Paris, im September

Während sich die Amerikaner über die verfahrene Lage in Vietnam den Kopf zerbrachen, meldete sich aus dem Elysée-Palast unversehens Charles de Gaulle dazu zu Wort. In der Kabinettssitzung am vorigen Donnerstag gab er eine vorbereitete Erklärung ab, die anschließend sein Informationsminister vor der Presse verlas. Die Kernsätze dieser Erklärung, die vielerorts als Aufforderung an die Vietnamesen begriffen wurde, sich dem amerikanischen Einfluß zu entziehen und auf neutralistischen Kurs zu gehen, lauteten:

„Die Kenntnis, die es vom Wert dieses Volkes hat, führt andererseits Frankreich zur Einsicht, welche Rolle das vietnamesische Volk in der gegenwärtigen Situation zu seinem eigenen Fortschritt und zugunsten des internationalen Verständnisses zu spielen fähig wäre, sobald es seine Aktivität in Unabhängigkeit von außen, in Frieden und innerer Einheit, in Eintracht mit seinen Nachbarn entfalten könnte. Das ist es, was Frankreich heute mehr denn je ganz Vietnam wünscht. Es ist natürlich dem vietnamesischen Volk und ihm allein vorbehalten, die hierzu geeigneten Mittel zu wählen. Aber jede nationale Anstrengung, die in Vietnam unternommen würde, fände Frankreich bereit, nach Maß seiner eigenen Möglichkeiten mit diesem Land eine herzliche Zusammenarbeit zu organisieren.“

Man wird wohl gut daran tun, in dieser Erklärung de Gaulles keine Anregungen von unmittelbarer Bedeutung zu suchen; wie manche andere politische Äußerungen des französischen Staatspräsidenten ist auch sie nicht für die Gegenwart, sondern eher für eine nebelhafte Zukunft formuliert. Indessen ist sie wohl auch nicht völlig harmlos gemeint.

Gewiß stellt sich de Gaulle in seiner Erklärung auf den Boden – der Genfer Vereinbarungen von 1954, die den Krieg im ehemals französischen Indochina abschlössen und die Möglichkeit einer Wiedervereinigung vorsahen. Natürlich weiß er ganz genau, mit wem es die Amerikaner in Vietnam zu tun haben, und er weiß auch, daß eine Wiedervereinigung Vietnams nicht von heute auf morgen durch Deklarationen zu erlangen ist. Vielleicht war ihm auch nur daran gelegen, die Idee einer Neutralisierung und Wiedervereinigung des Landes auf lange Sicht wieder zu lancieren.

De Gaulle hat jedoch für seine Stellungnahme eine öffentliche, fast polemische Form gewählt, und das gibt zu denken. Wäre es ihm um einen konkreten Beitrag zur Lösung der vietnamesischen Wirren gegangen, so hätte er seine Anregungen in der SEATO zur Diskussion stellen können, jenem Südostasienpakt, dem Frankreich ebenso angehört wie die Vereinigten Staaten und dessen Vertreter er vor wenigen Monaten erst mit betonter Freundlichkeit empfangen hat. Aber der General flüchtete sich in die Öffentlichkeit. Und das legt in der Tat den Gedanken nahe, daß es ihm vornehmlich darum ging, vor der Weltöffentlichkeit eine wohlfeile französische Außenpolitik zu definieren, die für all die „grauen Zonen“ zwischen Ost und West gilt, in denen sich amerikanische und kommunistische Interessen überschneiden. Rudolf Fischer