Von Eric Godal

In der schäumenden Brandung der Bucht von Haifa vor den uralten Steinwällen der arabischen Festung Akko, liegen die Skelette gestrandeter Schiffe – Mahnmale der düsteren Zeit menschlicher Grausamkeit. Hier gingen sie zugrunde mit ihrer Elendsfracht verfolgter, halbverhungerter Menschen, die nach monatelangen Irrfahrten auf der Flucht aus den Internierungslagern Europas endlich hofften, ein neues Leben im gelobten Land zu finden. Sie wollten überleben – aber zu überleben, galt in dieser Zeit für Juden oft als illegal. Denn für „illegal“ war ihre Einwanderung von der damaligen englischen Mandatsherrschaft über Palästina erklärt worden.

Englische Kriegsschiffe erhielten Befehle, die Landung zu verhindern. Aber manche kamen durch. Eines der Schiffe wurde zum Symbol für die Tragödie aller Verfolgten, Gejagten und verzweifelt Hoffenden: Die „Exodus“. Nur ein rostrotes Gerippe, überspült von der Gischt der Brandungswellen, ist von ihr übrig geblieben. Hier schien sie das Ende ihres tragischen Abenteuers gefunden zu haben: langsam im tiefen Sand der Bucht von Haifa zu versinken.

Da hat jetzt eine italienische Bergungsgesellschaft ihr Skelett gekauft, um es zu verschrotten. Sechs Monate arbeiteten zwölf Mann der Bergungsgesellschaft daran, sie zu heben. Aber die „Exodus“ saß so fest im Sand, daß sie in zwei Hälften geschnitten werden mußte. Langsam tauchte es jetzt, von Muscheln überkrustet, aus den Fluten auf. In wenigen Wochen wird das Hinterschiff folgen. Beide Teile werden dann abgeschleppt werden.

Dieses Schiff menschlichen Elends, der düstersten Verzweiflung und wildesten Hoffnungen, hatte 1200 Tonnen, war 105 Meter lang, hieß in seiner Jugend (1927) „President Warfield“, war einst ein schmucker amerikanischer Flußdampfer, der fröhliche Touristen über die weiten Wasser der Chesapeake-Bay fuhr.

Ihr düsteres Abenteuer begann, als sie 1946 für den Transport illegaler jüdischer Einwanderer nach dem damaligen Palästina gekauft wurde. Kapitän Ike Aharonovitz übernahm sie mit einer Mannschaft von vierzig Freiwilligen und brachte sie mitten im Krieg unter der Flagge von Honduras von Baltimore nach Frankreich. Dort nahm er 4500 jüdische Flüchtlinge an Bord mit Kurs auf Haifa. Als englische Kriegsschiffe ihm – beinahe in Sicht des rettenden Hafens Haifa – den Weg verlegten, hißte er unter dem Jubel der halbverhungerten Flüchtlinge die blau-weiße „illegale“ Fahne Israels. Die „Exodus“ wurde aufgefordert, umzukehren. Kapitän Ike setzte seinen Kurs weiter fort, ohne zu antworten. Ein englischer Zerstörer rammte das Schiff. Mit aufgerissener Seite und schwerer Schlagseite trieb es im seichten Wasser der Bucht. Britische Matrosen enterten es. Die Flüchtlinge kämpften, soweit sie konnten – es gab Tote und Verwundete. Der Rest wurde überwältigt und nach Frankreich in die Internierungslager zurücktransportiert.

Die „Exodus“ wurde, halb unter Wasser, an ein Pier geschleppt, an die Kette gelegt und langsam vergessen, bis ihre Aufbauten 1952 plötzlich in Flammen aufgingen. Brennend wurde sie hinausgeschleppt und auf den seichten Sand der Bucht gesetzt. Und dann kam das ausgebrannte, verrostete Skelett noch einmal zu Weltruhm: durch den Roman und den Film „Exodus“. Touristen kamen danach aus aller Welt, um das Wrack von den Festungswällen Akkos noch einmal zu sehen. Ihr alter Kapitän Aharonovitz erschien im Hafen, um auf dem letzten Weg des ruhelosen Schiffes dabei zu sein.