Von Otto F. Beer

Man nennt sie Côte d’argent, wohl als Parallele zur Côte d’or, und wie diese am Mittelmeer liegt jene am südlichen Atlantik: langgestreckte flache Ufer, Sandstrand, der sich kilometerweit hinzieht, freundliche Buchten im sommerlich blauen Meer und dahinter die kühlen Kiefernwälder bis tief ins Landesinnere. Von der Gironde-Mündung bis zum Baskenland, im Ausstrahlungsgebiet von Bordeaux also, liegt dieses Heideland, das erst durch Menschenhand von einer unwegsamen Wildnis in eine Provinz idyllischer Ruhe verwandelt worden ist. Bei uns zulande sind die „Landes“ – „die Heide“ – noch wenig bekannt. Ihr herber Reiz hat vor allem französische Großstädter dazu bewogen, in diesen Wäldern reizvolle kleine Chalets oder auch anspruchsvolle, rassige Villen zu bauen. Englische Gäste kommen traditionellerweise-seit Jahrzehnten übers Meer. Deutsche finden sich selten.

Der Sand, heute von Badegästen hoch gepriesen, war jahrhundertelang das große Problem dieser Region. „Les Landes“ waren mit ihren Wanderdünen unbebaubarer Boden inmitten eines Landstrichs von mildem, südlichem, dabei ozeanisch ausgeglichenem Klima. Wo der Sand nicht hinkam, waren es die Sümpfe, die das Land unzugänglich machten.

Diesen öden Landstrich knapp vor den Toren des reichen Bordeaux zu erschließen, hat nahezu ein Jahrhundert Arbeit erfordert. 1788 unternahm der Brücken- und Straßenbauingenieur Bremontier jenes gewaltige Aufforstungswerk, das erst 1876 beendet worden ist. Vorerst sollte ein Damm das Operationsgebiet vor den Fluten des Ozeans schützen. Palisaden wurden errichtet, die den Flugsand festhalten und zu Dünen fixieren sollten. Wo der Boden schon hinreichend gefestigt war, wurden Ginster und dann auch Kiefern angesiedelt. Bald breiteten sich die Wälder aus, und nun war es gerade das Holz, das neue Gefahr brachte: Die Waldbrände begannen sich auf dem trockenen Boden verheerend auszubreiten. Mit dieser Entwicklung geriet man gerade ins Zeitalter des Telephons: Ein Feuerwarnsystem konnte zum Schutz des Landes ausgebaut werden. Immerhin haben noch in den Nachkriegsjahren Brände 300 000 Hektar verwüstet. Inzwischen aber ist der „Operation Bremontier“ ein wahrhaft glänzender Erfolg beschieden worden: die „Landes“ sind ein Gebiet von eigenartigem Reiz geworden, in dem sich bukolische Dörfer inmitten tiefer Nadelwälder entwickelt haben. In den fischreichen Teichen gedeihen Aale und Forellen, auf den Gutshöfen reifen Gänse und Enten den Fleischtöpfen entgegen, und die Kühe dienen nicht nur zu dem, wozu sie überall auf der Welt dienen, sondern absolvieren zuvor noch jene Wettrennen, die ein so buntes folkloristisches Bild ergeben.

Je mehr man sich von Bordeaux her der Küste nähert, um so häufiger findet man Häuser, in deren Höfen sich versandbereite Kisten voll Austern bis zur Dachhöhe stapeln. Auf schmalen Kanälen steuern die Austernfischer ihren Bänken zu, denn das Bassin von Arcachon hat seit Jahrhunderten einen Ruf als Lieferant von Krustazeen. Was man in den Monaten mit r bis ins tiefste Binnengebiet Frankreichs liefert, kann man hier an der Küste das ganze Jahr genießen.

Arcachon dankt seinen Ruf aber nicht nur der Austernkultur, sondern mehr noch seinem Badestrand. An einem weiträumigen Bassin gelegen, in dem sich das Süßwasser der Leyre mit den Fluten des Ozeans mischt, ist es zugleich das Zentrum einer ganzen Reihe von Badeorten, die sich von hier südwärts erstrecken. Der Sandstrand ist so ebenmäßig, daß er auch außerhalb der gepflegten und sauberen Ortschaften überall zum Bade einlädt. Und dicht dahinter beginnen jene schattigen Nadelwälder, die im Sommer Kühlung spenden und einer Unzahl von Villenkolonien Platz geben. Das Wachstum von Arcachon ist erstaunlich. Aus den ursprünglichen 300 Einwohnern sind 16 000 geworden; im Sommer aber beherbergt das Städtchen 150 000 Menschen.

Die zauberhaft in den schattigen Wäldern verstreuten Villen bleiben allerdings meist ihren Erbauern und deren Freunden vorbehalten. Mieten kann man nur die wenigsten von ihnen. Die Hauptlast des Fremdenverkehrs tragen die geräumigen und komfortablen Strandhotels älteren und neueren Datums. Inmitten dieser Sommerstadt (außerhalb der Saison liegt sie in tiefem Schlummer) finden sich auch jene reizvollen gepflegten Restaurants, ohne die ein französisches Seebad nicht denkbar wäre.