Belgrad, im September

Chruschtschow ist abgereist, die Fahnen in Belgrad sind wieder eingerollt. Tito denkt bereits an seine Reise nach Amerika und an neue Kontakte mit anderen Staatsmännern, die keine Hochrufe auf den Kommunismus ausbringen werden. Welche Bedeutung aber hatte Chruschtschows Besuch – für Jugoslawien, für seine internationale Stellung und für sein Verhältnis zum Westen?

Zunächst einmal hat sich Jugoslawiens ideologische Position im Ostblock gewandelt. Wenn die sowjetischen Führer ihre Anerkennung Jugoslawiens noch im letzten Jahr mehr auf die Person Titos beschränkten, der vor dem Obersten Sowjet eine Rede halten durfte, so hat Chruschtschow jetzt den jugoslawischen Sozialismus pauschal und im Detail anerkannt. Tito kann nun verkünden, daß sein Modell der "gesellschaftlichen Selbstverwaltung" – dazu gehören auch die Arbeiterräte – beispielgebend für alle sozialistischen Länder sei; auch die Sowjetunion wird aufgefordert, von Jugoslawien zu lernen.

Dann ist in den letzten Tagen erklärt worden, daß die wesentlichen Meinungsverschiedenheiten zwischen Belgrad und Moskau ausgeräumt sind und daß durch regelmäßige und häufigere Besuche von Parteidelegationen schließlich auch die unwesentlichen Differenzen beseitigt werden sollen. Rücksichten auf die Chinesen – von den Jugoslawen noch im Juni befürchtet – spielen dabei für die Sowjets heute offenbar nur noch eine geringe Rolle. Fast ist man versucht, von einer Entente Cordiale zwischen Belgrad und Moskau zu sprechen. Die schon seit Jahren deutlich gewordene Gemeinsamkeit in außenpolitischen Auffassungen hat nach der ideologischen Bereinigung jedenfalls ein solideres Fundament erhalten. Was aber erwartet Chruschtschow von dieser Entente, und welche Konsequenzen hat diese Annäherung für den Westen?

Auch wenn der Sowjetpremier von dem temporären Charakter der bestehenden Blöcke sprach, hat er mit seiner Hoffnung nicht hinter dem Berge gehalten, daß Jugoslawien eines Tages sein politisches und wirtschaftliches Potential voll für die Gemeinschaft der sozialistischen Länder einsetzen werde. Chruschtschow sprach darum lobend von der Bereitschaft der jugoslawischen Regierung, an der "sozialistischen Arbeitsteilung" zu partizipieren. Seine Anspielungen auf die COMECON-Spezialisierung im Schiffsbau genügten aber bereits, die Jugoslawen hellwach zu machen, und Tito unterließ, es nicht, in seiner Rede in Velenje darauf hinzuweisen, das Ziel seiner Regierung sei die weitere Eingliederung seines Landes in die "internationale Arbeitsteilung". Er denkt also nicht im mindesten an einen Beitritt zum COMECON. Das Prinzip der militärischen und politischen Unabhängigkeit bleibt ohnehin unverrückbar. Ulrich Schiller