Als Adenauer im Herbst 1949 seine erste Regierung bildete, wurde nicht nur nach üblicher Koalitionsarithmetik verfahren, sondern auch – und das war eine Neuerung – der konfessionelle und regionale Proporz beachtet. So wurde im letzten Augenblick an Stelle des verwaltungserfahrenen katholischen Finanzministers von Nordrhein-Westfalen, Weitz, der protestantische Rechtsanwalt Heinemann, der damals noch der CDU angehörte, zum Bundesinnenminister ernannt. In die damaligen Quotenberechnungen waren auch das Amt des Bundespräsidenten, des Präsidenten des Bundesverfassungsgerichtes sowie der Präsidenten des Bundestages und des Bundesrates einbezogen. Nur bei der Wahl des Bundesratspräsidenten setzte sich die zentrale Proporz-Planung nicht durch; statt des bayerischen Ministerpräsidenten Ehard wurde der nordrhein-westfälische Regierungschef Arnold gewählt.

Der dreifache Proporzschlüssel (Partei, Land und Konfession müssen stimmen) spielte sogar bei der Auslese der Staatssekretäre in den Bundesministerien eine Rolle, und zwar, derart, daß nach Möglichkeit der Staatssekretär sich in zwei, wenn nicht in allen drei Kriterien von seinem Bundesminister unterscheiden sollte. So war Heinemanns Staatssekretär (es gab zunächst nur einen im Innenministerium) Bayer, CSU-Mitglied und Katholik. Wohnungsbauminister Neumeyer war Württemberger, Protestant und FDP-Mitglied, sein Staatssekretär kam aus Nordrhein-Westfalen, war Katholik und wurde der CDU zugerechnet.

Selbst eine Stufe tiefer spielte für gewisse Dienststellen der konfessionelle Proporz noch eine Rolle. Von den beiden Leitern der Kulturabteilungen im Innenministerium und im Auswärtigen Amt sollte jeweils der eine Katholik, der andere evangelisch sein.

Dem Kanzler Adenauer, aber auch den Regierungsparteien sind damals wegen dieser perfektionistischen Proportionalisierung schwere Vorwürfe gemacht worden. Rückblickend wird man ihnen allerdings zubilligen müssen, daß diese Quotierungs-Aspekte bei der personellen Erstausrüstung der Spitzenpositionen in einem so labilen Staatsgebilde, wie es die gerade eben errichtete Bundesrepublik zunächst noch war, im Integrationsinteresse sinnvoll waren.

Aber dieser komplizierte dreifache Proporz ließ sich nicht lange aufrechterhalten. Das zeigt sich schon bei den Regierungsumbildungen, aber nicht nur dabei. Auf den protestantischen Bundespräsidenten folgte ein katholischer. Der erste Präsident des Bundesverfassungsgerichts war evangelisch, der zweite war katholisch, und ebenso ist es der dritte, der gegenwärtige. Wem aber hat das konfessionelles Unbehagen bereitet?

Das Bundesinnenministerium gilt als konfessionell besonders interessant. Drei Innenminister waren evangelisch; sie sollten ein „Gegengewicht“ zum katholischen Kanzler bilden. Im vierten Kabinett Adenauer nach den Herbstwahlen 1961 wurde ein Katholik Leiter des Innenministeriums. Gegen Höcherl sind manche Einwände geltend gemacht worden, seine Konfession jedoch hat noch niemanden gestört.

Bei der Besetzung seiner eigenen Behörde hat Adenauer das Proporzsystem nicht beachtet. Er und sein Staatssekretär Globke gehören beide der CDU an, beide sind katholisch und Rheinländer. Sehr viel ist gegen Globke gesagt und geschrieben, noch mehr geflüstert worden. Aber Wer wäre je auf den Gedanken gekommen, daß der Staatssekretär im Bundeskanzleramt ein Protestant sein müßte, solange ein Katholik Bundeskanzler ist? Zeitweise war der offizielle Stellvertreter Globkes Ministerialdirektor Gumbel – ein ebenso strenggläubiger Katholik wie Globke. Auch darüber hat man sich nicht aufgehalten.