Die 35 000 Menschen auf dem Hamburger Rathausmarkt rührten die Hände zu willigem Applaus, als die SPD-Festredner den italienischen Genossen zur Jahrhundertfeier ihrer Partei willkommen hießen. Dort freilich, wo ihn die Kundgebungsteilnehmer vermuteten, auf der fahnenumflatterten Tribüne der Ehrengäste, war Giuseppe Saragat mitnichten zu entdecken; ein Maschinenschaden hatte seine Ankunft auf dem Flughafen der Hansestadt um drei Stunden verzögert. Für den Generalsekretär der Partito Socialista Democratico Italiano mag die Situation nicht ganz untypisch gewesen sein: Auch im öffentlichen Leben Italiens ist er oft gerade dort nicht zu finden, wo man ihn am ehesten vermuten möchte.

Nicht etwa, daß es dem Politiker aus Turin an Prinzipienfestigkeit gebräche; er ist ein Mann mit Grundsätzen. Aber Saragat, Doktor der Wirtschaftswissenschaften und Verfasser mehrer Bücher über Marxismus, Humanismus und Demokratie, ist zugleich ein Mann der Gedanken – ein Intellektueller jenes aufrechten Schlages, der das Nachdenken schätzt und sich dabei auch vor dem Umdenken nicht scheut. Daraus sind viele seiner politischen Schwenkungen zu erklären, auch jene aufsehenerregende Gewissensentscheidung, die ihn, der stets ein glühender Atheist gewesen ist, im Jahre 1961 dazu trieb, Katholik zu werden. Die Tatsache jedoch, daß er lange Jahre Bankangestellter war und – während der Emigration zu Mussolinis Zeiten – Hauptbuchhalter der Pariser Weinfirma Medocq, deutet darauf hin, daß er sich auch auf nüchternes Kalkulieren versteht. Und hieraus erklärt sich wohl Saragats Wendigkeit auf dem taktischen Felde.

Auch im Gespräch blitzen immer wieder die beiden Seiten seines Wesens durch; bald redet der Intellektuelle Saragat, bald der kühle Parteitaktiker. Er spricht mit verhaltener Verve: richtig lebendig wird er erst, wenn er die Zustände im Mezzogiorno anprangert oder die "schamlose Ausbeutung" der italienischen Gastarbeiter in der Schweiz, der "scheinheiligen Demokratie". Er wirkt älter, ein wenig müder als auf den Bildern, die meistens einen kraftvollen Volkstribunen zeigen. Gelichtetes Haar über hoher Stirn, Brille, nur wenig Sonnenbräune noch vom August-Urlaub in Saint-Vincent – man merkt ihm seine 65 Jahre schon an.

Seine Kleidung verrät noch immer Eleganz; den untersten Knopf an den Ärmeln seines dunklen Maßanzuges hat er lässig geöffnet. Und elegant wie seine Kleidung ist seine Sprache. Er formuliert präzise, mit lateinischer Lust an der gelungenen Sentenz, und redet von Goethe mit der gleichen Kenntnis wie von Lenin oder de Gaulle (mit dem er nach dem Kriege als italienischer Botschafter in Paris zu tun hatte).

Im römischen Kräftespiel ist die Machtbasis der Saragat-Sozialisten vergleichsweise schmächtig. Im Senat haben sie 14 Sitze, 33 in der Kammer; bei den Wahlen im April 1963 wurden ganze 6,1 Prozent der Stimmen (1,8 von insgesamt 30 Millionen) für sie abgegeben. Ihre Genossen zur Linken, die Nenni-Sozialisten, erhielten damals 13,8 Prozent, die Kommunisten 25,3; rechts von ihm stehen die in interne Richtungskämpfe verstrickten Christdemokraten (38,3 Prozent) die Republikaner (1,4), die konservativen Liberalen (7), schließlich die Monarchisten und Neofaschisten (6,8). In dieser Zersplitterung der politischen Kräfte aber liegt Saragats Stärke; daraus wächst ihm die Schlüsselrolle zu, die ihn zu einer Art italienischem Mende werden läßt. Er hat es in der Hand, ob in Rom ein Kabinett der rechten Mitte oder der linken Mitte regiert. Und heute wie vor anderthalb Jahren, als Fanfani die apertura a sinistra einleitete, setzt Saragat auf die Öffnung nach links.

"Die Formel der linken Mitte ist eine Formel des Mutes", sagt er. Kleine Pause, dann: "Und eine Formel der Notwendigkeit." Von Regierungen der rechten Mitte hält er nichts mehr, obwohl er jahrelang in Kabinetten saß, die nach diesem Muster konstruiert waren – vielleicht auch gerade deshalb: Die Rechte? "Manchmal bin ich versucht zu denken, das italienische Bürgertum habe den Kommunismus verdient. Als Paul VI. Papst wurde, fielen an der Börse die Kurse. Wenn, sagen wir, Mao Tse-tung gewählt worden wäre, hätten die Reaktionäre gejubelt..."

Heute betrachtet er das Rechtsmuster als ein Rezept der Stagnation; daher kämpft er für die centro-sinistra. Und er hat keinen Zweifel mehr, daß seine Beharrlichkeit Früchte tragen wird. Im August hat die Führungsspitze der Christdemokraten sich nach einigem Zweifeln wieder auf die halblinke Position festgelegt, und im Oktober, so hofft Saragat, wird Pietro Nenni auf dem außerordentlichen Parteitag der Linkssozialisten auch seine Leute auf die Formel der linken Mitte verpflichten können. Dann könnte die Übergangsregierung Leone abgelöst und zum erstenmal wirklich ein Kabinett der centrosinistra gebildet werden – eines, dem Nennis Linkssozialisten nicht nur in wohlwollender Neutralität gegenüberstehen, sondern in dem sie aktiv mitarbeiten ("Sechzig Prozent der Wähler waren bei den letzten Wahlen schließlich dafür", sagt Saragat).