Ein kluger Mann hat jüngst verlangt, man solle alle Auslandskorrespondenten während des ersten, fern der Heimat verbrachten Jahrs zwar bezahlen, aber keine Zeile schreiben lassen. An diesen Ratschlag mußte ich denken, als man mich veranlaßte, Mainzens Bericht über die Rue St. Honoré zur Kenntnis zu nehmen. Der Drehbuchautor – ein Volontär offenbar, der auch schon einmal in Paris gewesen war – fand zur Beschreibung dieser Straße so gewichtige Sätze wie: „Was wäre Paris ohne seine Liebespaare?“ und „so viel gibt es zu sehen“; der Kameramann war kongenial: Man sah Parfümerien und Friseurhauben wie in Berlin oder Wien; Häuser wurden in Sekundenschnelle betastet, das Rothschildpalais, Robespierres Hinterhofblick (Kommentar: „Wem kämen da nicht düstere Gedanken“)... ach, es war ein Spektakel der Torheit.

Und wie viel hatte man erwartet: Zola-Impressionen, Proustsche Gedanken und Robespierre-Meditationen; das Treiben von heute, abgehoben von den Riesenwänden der Vergangenheit: Blutmesse und stählerner Wind, der Tischler Duplay, die Schatten der Guermantes... alles vertan, nicht gewußt oder verschenkt. Dabei ist der Gedanke, die großen Straßen der Welt einmal im Bild zu beschwören, durchaus interessant: Stroeget und Via Veneto, Kurfürstendamm und Via Appia – welch eine Möglichkeit, historische Miniaturen zu zeichnen!

Man sieht, an Einfällen mangelt es nicht; auch die Idee, in einer eigenen Sendereihe Auslesefilme zu zeigen, die man gemeinhin im Kino nicht sieht, ist an sich lobenswert – doch wehe, wenn es dann an die Ausführung geht! Man zeigte „Jakten“ („Die Jagd“), einen norwegischen Film, dem der einleitende Fachmann,’ Krusche sein Name, Unbequemlichkeit und kühnen Elan attestierte. In Wahrheit freilich war es ein Streifen aus Großmutters Zeit – eine zähe Ehe-zu-dritt-Moritat, die durch den Naturhintergrund (norwegische Öde, Saga-Milieu) nicht an Spannung gewann. Auch die Tatsache, daß die Schauspieler teils als Akteure und teils als Kommentatoren agierten, gab dem gar zu bekannten Schema keinen neuen Aspekt – um so weniger, als die Sentenzen die Tonart eines nordischen Ganghofer hatten: „Endlich bin ich wieder hier. Wie habe ich mich nach dieser Stille gesehnt.“ „Ich sah mein Spiegelbild im Teich, das war ein klares Bild. Aber was unter der Oberfläche verborgen war, sah ich nicht.“

Zu allem Überfluß – o Wunder Brechtscher Verfremdung – war auch noch ein Sprecher dabei, der die drei Schauspieler nach ihren Gedanken befragte („wie war das alles, Guri?“), so daß sich reichliche Gelegenheit gab, die Phrasen gleich zwei- und dreimal zu sagen.

Im übrigen wurde mit den simpelsten Methoden operiert; Holzhammer lagen überall herum („Da sagte Knut etwas, das ich nie von ihm erwartet hatte“; Doppelpunkt, Knut spricht); die kleinste Geste gab sich symbolisch und von tiefer Bedeutung erfüllt (die Jagd auf Tiere wird, wie könnte es auch anders sein, zur Menschenjagd); „das Leben verrinnt wie Wasser“; beim Kuß Fortissimo-Musik: nein, dieser Film war ebenso anspruchsvoll wie verlogen. (Schuld der Synchronisierung? Gewiß nicht allein.) Eine Heimkino-Edda; „Tante Homer“ aus vierter Hand – man verschone uns mit solchen Spitzen-Produkten! (Immerhin, die Hunde waren vortrefflich – besser jedenfalls als die Akteure, die noch im Schlafanzug wie dämonische Gottheiten wirkten... und das sollten sie wohl auch.)

Wie gut, daß da noch, im Ersten Programm, die Köpenickiade vom Oberregierungsrat Ziegler erschien – ein Bildermärchen aus unserer Zeit, das, vor dem Hintergrund eines Altersheims (Baskenmütze, Bärte und eine Gräfin im Rollstuhl), die Ämter-Arroganz an der schelmischen Courtoisie eines Bonner Felix Krull zerschellen ließ.

Rainer Erler, von Wittlingers „Seelenwanderung“ her wohlbekannt, erwies sich abermals als Meister der Nuancen und sanften gestischen Tricks; Schroth war nie besser, Eugen Thomass’ Musik („Freude, schöner Götterfunken“ mit witzigem Schalkssinn von Szene zu Szene verändert) verdient höchstes Lob; sogar die Störungspanne paßte sehr gut: Ein paar Sekunden lang sah sich der gealterte Krull von Christian Buddenbrook, in der Maske Lothars, abgelöst.

Fürwahr, eine Unterbrechung von besonderem Reiz... Momos