Von Karl Schwarz

Washington, im September

Seit jenem Tag, an dem vor neun Jahren das französische Kolonialerbe in Indochina mit dem Genfer Abkommen liquidiert wurde, sind die Vereinigten Staaten erst politisch, dann auch militärisch immer tiefer in die Auseinandersetzungen um Südvietnam verstrickt worden. Sie machten dabei fast die gleichen Erfahrungen wie Frankreich im Norden Vietnams bis zu seiner Niederlage von Dien Bien Phu.

Die amerikanische Regierung mußte irgendein Regime stützen, um den Kampf gegen die kommunistischen Partisanen von einer innenpolitisch einigermaßen gesicherten Basis und auch legitim führen zu können. So ließ sie sich mit dem katholischen Präsidenten Ngo Dinh Diem und seinem das Land beherrschenden Familienanhang ein. Mit ihm aber ist Washington nun verfeindet, weil es Diems Vorgehen gegen die Buddhisten mißbilligen muß. Dabei gerät die US-Regierung aber auch bei der breiten Masse in Mißkredit, die glaubt, die USA wagten es ja doch nicht, gegen Diem etwas Entscheidendes zu unternehmen.

So kommt es, daß die Vereinigten Staaten in Südvietnam in einen Kampf an drei Fronten verwickelt sind: militärisch kämpfen sie gegen die Vietcong-Guerillas, politisch gegen Diems Familie und psychologisch um die abbröckelnde Unterstützung der Vietnamesen. Das ist keine beneidenswerte Lage, aber sie entspricht genau den Bedingungen eines „Aufstandskrieges“, für den die USA ein Programm und eine Sondertruppe, die Special Forces, aufgestellt haben. Man wird sehen, ob sich beide in diesem zwielichtigen Konflikt bewähren.

Bis jetzt jedenfalls kann davon keine Rede sein. Der Vietcong ist trotz der Anlage von Tausenden befestigter Dörfer, trotz der erhöhten Beweglichkeit der südvietnamesischen Truppen durch US-Hubschrauber und der Mobilisierung kriegstüchtiger Gebirgsstämme durch amerikanische Ratgeber im Bereich der kommunistischen Versorgungslinie – dem Ho Tschi-minh-Pfad und trotz monotoner Erfolgsmeldungen der Regierung in Saigon aktiver und stärker denn je zuvor. Die Kampfkraft seiner Truppen wird zur Zeit auf 15 000 bis 25 000 Mann geschätzt. Das ist wenig im Vergleich zu den zweihunderttausend Mann der südvietnamesischen Armee, es genügt aber, um ständig Unsicherheit zu schaffen.

Hohe amerikanische Offiziere haben schon häufig vorausgesagt, der Kampf gegen die Aufständischen werde „in drei Jahren“ gewonnen sein, wenn er in der einmal eingeschlagenen Taktik fortgesetzt werde. Alle diese Prophezeiungen jedoch sind zerronnen wie das Wasser in den Reisfeldern. Die Regierung in Washington weiß das genau und sieht auch kein Ende des „unerklärten Krieges“ in Südvietnam. Sie weiß aber auch, daß sie in ihn hineingeraten ist und ihren Fuß aus dem Sumpf nun nicht einfach herausziehen kann wie Frankreich in den fünfziger Jahren.