Von Fritz Kempe

Die eigentlichen Väter von Photo, Film und Fernsehen sind die gesellschaftlichen Situationen, unter denen sie entstanden. Vater der Photographie ist das Bürgertum.

„Als Charles Dickens die Beschreibung seiner Helden bis ins kleinste Detail ihrer Kleidung, die Zahl der Westenknöpfe und so weiter, ausdehnte, war der Geist der Photographie geboren, ehe es noch eine Photographie gab. Und die Erfindung, die unmittelbar folgte, War dann nicht viel mehr als die Erfüllung einer neuen, bereits vom Dichter gehandhabten Genauigkeit.“ So kündigte sich nach den Worten Ludwig Bergers die Photographie als Instrument der Genauigkeit und Verläßlichkeit an, ein technisches Phänomen, das freilich mehr noch als in den Gesichten der Dichter in den Naturwissenschaften begründet war. Die Charakteristika der Photographie sind auch die von Wissenschaft und Technik, deren Erkenntnisse das Jahrhundert bestimmen, in dem der Bürger zum Bewußtsein seiner selbst heranwächst. Die Photographie ist ihm das rechte Mittel, um dies Selbstbewußtsein auszudrücken, indem er sich in der von ihm gestalteten und geistig erfüllten Umwelt darstellen läßt. Sein Enthusiasmus für die Photographie ist grenzenlos: „Licht, gezwungen durch chemische Kunst, in wenigen Minuten bleibende Spuren zu hinterlassen, die Konturen bis auf die zartesten Teile scharf zu umgrenzen, ja diesen ganzen Zauber... hervorgerufen zu sehen, das spricht freilich unaufhaltsam den Verstand und die Einbildungskraft an“, schreibt Alexander von Humboldt 1839 kurz nach Erfindung der Photographie. Die Photographen lösen die Hofmaler der Könige ab, sie schildern das Kleinkönigtum des Bürgers.

Bald aber sind alle Stände dem Photographen tributpflichtig, die Gleichheit der Menschen verwirklicht sich in der Photographie schneller als im Wahlrecht.

Die Bürger Lumière erfinden 1895 den Film. Einer ihrer ersten zeigt die Arbeiter, die aus dem Tor der väterlichen Fabrik in Lyon strömen. Als Kunststück des Kinematographierens gekurbelt, gewinnt er Symbolkraft. Schausteller bemächtigen sich des Films und bringen ihn denen, deren Lieblingskind er wird, dem vierten Stand, dem Proletariat.

Neben dem Bürger und im Kampfe gegen seine wirtschaftliche Vorherrschaft sind die Arbeiter zum Bewußtsein ihrer Lage gekommen. Die Demokratie bietet ihnen das Instrument, mit dem sie zäh und zielstrebig ihre berechtigten Ansprüche durchsetzen. Die „Masse“ wird nicht nur ein Schlagwort, sondern auch eine Macht. In den Großstädten drängt sich dem Proletariat der Vergleich zwischen der eigenen Notlage und dem Luxus des Bürgertums auf. Es bilden sich Solidarität und Elan des Klassenkampfes. Es bildet sich auch die gemeinsame, allgemeinverständliche Sprache des Bildes. Im Jahre der Geburt des Films erscheint schließlich Le Bons „Psychologie der Massen“, in der es heißt: „Sie denkt in Bildern“. Nur intellektueller Hochmut konnte diesen neuartigen Denkprozeß prinzipiell abschätzig beurteilen.

Schneller als seinerzeit die reisenden Photographen werden die filmezeigenden Schausteller seßhaft. Um 1900 beginnt die Ära des Kinos, das ein halbes Jahrhundert die Stätte bleiben wird, in der „... diejenigen, welche die Masse bilden. – zu einem ungeheuren, wenn auch wunderlich zugerichteten geistigen Erbe in ein ganz unmittelbares, ganz hemmungsloses Verhältnis treten, Leben zu Leben ...“, wie Hugo von Hofmannsthal es 1921 empfand.