Es war 1953 vor dem Obersten Gerichtshof Kenias. Die Richter hatten über Jomo Kenyatta, den sie für den Anstifter des blutigen Mau-Mau-Terrors hielten, ihr Urteil gefällt. Es lautete: sieben Jahre Gefängnis und drei Jahre Zwangsarbeit. Als Kenyatta, den seine Anhänger den „flammenden Speer“ nennen, das letzte Wort erhielt, rief er voller Erbitterung aus: „Die Europäer kamen als Gäste zu uns. Sie sagten uns, wir sollten die Augen schließen und beten, und während wir die Augen schlossen, nahmen sie uns unser Land weg. Ich weiß, es gibt keinen Gott, und Jesus Christus, von dem sie sprechen, ist ein Engländer.“

Diese haßerfüllten Worte galten damals als Kenyattas politisches Glaubensbekenntnis. Was würde, so fragten sich in Kenia die weißen Siedler, aus ihnen werden, wenn dieser Mann eines Tages das Gefängnis verlassen und London der ostafrikanischen Kolonie gar die Freiheit geben würde?

Es war vor einigen Tagen, zehn Jahre nach diesem zornigen Schuldspruch. In der Stadthalle von Nakuru sprangen fünfhundert weiße Farmer von ihren Sitzen und stimmten in den Ruf des schwarzen Redners ein: „Haltet zusammen! – Einheit für Kenia!“ Der sie zu diesem Begeisterungstaumel mitgerissen hatte, war der gleiche Jomo Kenyatta.

Ihn hatten die Engländer 1961 vorzeitig aus der Haft entlassen; bei den Wahlen im Mai des vorigen Jahres war er, als Führer der stärksten Partei (Kanu), zum Ministerpräsidenten gewählt worden, und nun warb er unter den Europäern in Rift Valley um Freundschaft: „Wir alle sind keine Engel, wir alle machen Fehler. Ihr habt mich ins Gefängnis geworfen, aber ich vergebe euch. Nun, bitte, vergebt auch ihr mir. Viele von euch werden sich gesagt haben: Was mag dieser Kenyatta doch für ein schrecklicher Mann sein. Nun, hier bin ich, und ich bin nur ein Mensch wie ihr.“

Und dann legte „der große alte Mann“, wie Kenyatta heute auch in Kenia genannt wird, sein neues politisches Bekenntnis ab: „Wir alle sind Farmer. Diese Erde verbindet uns. Wenn wir zusammen leben und arbeiten wollen, dann müssen wir uns ändern.“ Und er forderte die Weißen auf, im Lande zu bleiben, beim Aufbau der künftigen Republik mitzuarbeiten. Er versprach ihnen den Schutz der Regierung und sagte ihnen zu, daß sie ihre fruchtbaren Felder in den White Highlands behalten könnten. Viele der weißen Siedler, die schon seit vierzig Jahren im Lande sind, und die damals gegen die Banden der Mau-Mau gekämpft hatten, klatschten Kenyatta Beifall.

– Was ist mit Jomo Kenyatta geschehen? Ist er, der Rebell von damals, heute ein Staatsmann? Noch gibt es unter den Europäern manche, die ihn für einen trickreichen Zauberer halten und ihm nicht über den Weg trauen. Andere fürchten, der heute siebzigjährige Premierminister sei doch zu schwach, die Radikalen in den eigenen Reihen seiner Kenya African National Union und die Scharfmacher in den Oppositionsgruppen der Kenya African Democratic Union (KADU) im Zaum zu halten. Die Zweifler prophezeien auch, daß es nach der Unabhängigkeitserklärung im Dezember zu einem offenen Konflikt zwischen Kenyattas mächtigem Kikuju-Stamm und den kleinen Eingeborenenstämmen kommen werde.

Schon im Frühjahr, als London seiner ehemaligen Kolonie ihre innere Autonomie gab, als eine Verfassung ausgearbeitet und in Nairobi die erste Sitzung der Nationalversammlung einberufen wurde, gingen viele der 60 000 Europäer außer Landes. Ein Drittel der weißen Siedler hat Kenia inzwischen verlassen. Und auch unter jenen dreitausend Farmern, die noch heute in dem 35 000 Quadratmeter großen Gebiet des „Weißen Hochlandes“ ihre Plantagen besitzen, wuchs die Unruhe: Sollten sie bleiben oder ebenfalls auswandern? Ihnen war der warnende Ausspruch des ehemaligen britischen Gouverneurs Sir Patrick Renison aus dem Jahre 1960 noch im Gedächtnis: Kenyatta sei der „Führer in Dunkelheit und Tod“. Andere wiederum fragten sich: „Wir möchten zwar bleiben, aber will man uns denn überhaupt haben?“