R. Z. Hamburg, Anfang September

So schwer hat es die SPD den Kommentatoren noch selten gemacht. Volksfest, Propagandaschau, akademisches Kolleg, ernsthafte politische Auseinandersetzung – so lauteten die Urteile über das Deutschlandtreffen der SPD, das letzte Woche in Hamburg stattfand. „Das große Gespräch mit dem Volk“ fand in der Tat auf sehr verschiedenen Ebenen statt.

Wer ausgezogen war, eine Propagandaschau, ein Volksfest zu entdecken, suchte nicht vergebens. Er konnte an bunten Abenden teilnehmen, auf denen schnellzüngige Conferenciers und schmissige Kapellen für Stimmung sorgten; er konnte, wie das Programm es versprach, die wirbelnden Tänze der Trachtengruppen bewundern; und er konnte auf der Schlußkundgebung auf dem Rathausmarkt eine Szene beobachten, die jedem Photoamateur das Herz höher schlagen ließ: Eine Wolke bunter Luftballons schwebte an der dunkel-prächtigen Fassade des Rathauses empor und entschwand langsam im diesigen Himmel über der Hansestadt.

Ausführlich und langatmig wurde der Tradition und der Leistungen der Partei gedacht, die in diesem Jahr ihr hundertjähriges Jubiläum feiert; Freunde aus aller Welt – an ihrer Spitze der Labour-Vorsitzende Harold Wilson, bescheinigten der SPD, wie herrlich weit sie es in den letzten hundert Jahren gebracht habe.

Wer nach politischer Diskussion verlangte, konnte ebenfalls auf seine Kosten kommen. Allerdings mußte er schon ein wenig suchen. Die einzige politische Auseinandersetzung entzündete sich an der Schulfrage. Den Zündstoff lieferte der kulturpolitische Ausschuß beim Parteivorstand, der in den bildungspolitischen Leitsätzen die These vertrat: „Aus staatspolitischen und pädagogischen Gründen ist die Gemeinschaftsschule vorzuziehen, weil sie durch die Gemeinschaft für die Gemeinschaft erzieht. Wenn Eltern demgegenüber einer Erziehung den Vorrang geben, die durch ihren Glauben oder ihre Weltanschauung ganzheitlich bestimmt ist, so soll ihren Kindern der Besuch einer Bekenntnis- oder Weltanschauungsschule ermöglicht werden.“

Die Explosivkraft dieses Satzes ist nur aus der Geschichte der Partei verständlich, einer Partei, die sich zunächst als eine Art weltanschaulicher Konkurrenz für die Konfessionen verstanden hatte. Und auch als der Satz „Religion ist Opium für das Volk“ nicht mehr galt, sind Klerikalismus und Antiklerikalismus auf politischer Ebene noch oft und heftig zusammengestoßen. Die Gemeinschaftsschule aber schien den Sozialdemokraten (im übrigen auch einer wachsenden Zahl von christlichen Demokraten) als das geeignete Mittel, die Erziehung aus dem Streit der Religionen und Weltanschauungen herauszuhalten. Die Bekenntnisschule hingegen war und ist (noch) für die Mehrzahl der Sozialdemokraten das Instrument eines militanten Klerikalismus.

Kein Wunder, daß die SPD-Führung, als sie an diesem letzten weltanschaulichen Grundsatz zu rütteln begann, auf erbitterten Widerstand stieß. „Ich sehe schwarz für die künftige Politik der Partei“, rief ein Genosse unter dem Beifall des Auditoriums, „wenn wir uns jedesmal fragen, was machen wir mit denen, die nicht mit uns einverstanden sind.“ Und ein hessischer Sozialdemokrat meinte, nun werde die CDU in seinem Lande – in Hessen ist die Gemeinschaftsschule in der Verfassung vorgeschrieben – mit der Parole gegen die SPD zu Felde ziehen: „Ihr Hessen, gebt Gewissensfreiheit, so wie es eure Genossen in Bonn wollen.“