Die Rede Harold Wilsons auf dem Hamburger Rathausmarkt ist über die Bühne gegangen, ohne daß die Nerven von CDU und SPD allzu sehr strapaziert wurden. Zwar klingt die Vokabel Disengagement in den Ohren der Regierung in Bonn äußerst dissonant und wird darum auch von der Opposition, die ihre Respektabilität keinesfalls angezweifelt wissen möchte, nur ungern aus kollegialem Mund vernommen; im übrigen aber gab es nichts zu beanstanden.

Wenn man es genau bedenkt, ist im deutschenglischen Verhältnis die nationale – Differenz merkwürdigerweise viel augenfälliger als die weltanschauliche. Mit anderen Worten: Die Gemeinsamkeit zwischen CDU und SPD einerseits und Konservativen und Labour andererseits ist stärker als das, was die beiden bürgerlichen Parteien und die beiden sozialistischen Gruppen miteinander verbindet.

Man kann immer wieder feststellen, daß die britischen Konservativen ebenso verwundert über die CDU sind wie Labour über die deutschen Sozialisten. Wenn es erlaubt ist, einmal ganz grob zu verallgemeinern: Die Engländer finden, den Deutschen fehle jedes politische Gefühl, sie halten sie für stur, doktrinär und zugleich romantisch; den Deutschen hingegen erscheinen die Engländer opportunistisch und gegenüber dem Osten weich und anfällig. Liegt diesen verallgemeinernden, vereinfachenden Vorurteilen irgendein objektiver Tatbestand zugrunde?

Fest steht, daß die beiden Völker in der Tat sowohl nach ihrer wesensmäßigen Anlage wie nach ihren geschichtlichen Erfahrungen und ihrer geopolitischen Existenz von Grund auf verschieden sind. Gerade in der Philosophie kommt diese Verschiedenheit der "Weltanschauung" zum Ausdruck. Während der englische Philosoph Bentham lehrte, die Aufgabe des Staates bestehe darin, der größtmöglichen Zahl das größtmögliche Glück zu verschaffen, glaubte Hegel, persönliches Glück sei belanglos, wenn es mit der Größe des Staates in Widerspruch gerate.

Für die englischen Staatsmänner galt seit eh und je der Grundsatz: England hat weder permanente Freunde noch Feinde, sondern nur permanente Interessen. Diese pragmatische Auffassung zieht sich wie ein roter Faden durch die englische Politik. Vielleicht am deutlichsten hat dies Palmerston ausgedrückt, als er am 1. März 1848 im Unterhaus sagte: "Zu der romantischen Idee, daß Völker oder Regierungen viel oder ständig durch Freundschaften beeinflußt werden und durch Gott weiß was und warum, sage ich, daß jene, die diese romantischen Ideen vertreten und den Verkehr zwischen Individuen auf den Verkehr zwischen Völkern anwenden, sich einem eitlen Traume hingeben. Das einzige, was die eine Regierung dem Rat einer anderen folgen und ihm nachgeben läßt, ist die Hoffnung auf daraus erwachsenden Nutzen, wenn man ihn annimmt oder die Furcht vor den Folgen, wenn man ihn ausschlägt."

Fünfzig Jahre später schrieb der Marquess of Salisbury, der 1878 als Außenminister Disraeli zum Berliner Kongreß begleitet hatte, in einem Brief, der vom 31. August 1896 datiert ist: "So etwas wie eine feststehende Politik gibt es nicht, weil die Politik, wie alle organischen Wesen, immer im Werden ist... Die Politik ist eine Geschäftssache: Unsere Verbündeten sollten diejenigen sein, die die Interessen, deren Hut uns – als Regierung – anvertraut ist, am wahrscheinlichsten fördern oder doch nicht behindern werden."

Wie anders die Deutschen! Sie halten solch politische Maximen für den Ausdruck händlerischen Geistes – ihnen steht die Treue über allem anderen, auch wenn sie zum totalen Untergang führt. Und schonungslose Offenheit gilt ihnen als echte deutsche Mannesart. Die "Junge Union" in Hamburg drückte ihr Mißfallen darüber aus, daß der Führer der britischen Labour-Partei, der jüngst Forderungen aufgestellt habe, die in der Bundesrepublik unpopulär sind, von der SPD zu ihrer öffentlichen Kundgebung eingeladen wurde. Man kann sich streiten, ob dieses kühne "Lehrlingsstück" politischer Unreife in die Kategorie doktrinär oder romantisch gehört, gewiß aber bestätigt es die Feststellung mangelnden politischen Gefühls.