Von Edmund Wolf

Der Mensch begreift jetzt, daß er ein bloßer Zufall ist, ein völlig zweckloses Geschöpf, welches das Spiel zu Ende spielen muß – ohne irgendeinen Grund. Als Velasquez malte, als Rembrandt malte, da waren sie noch immer, unabhängig von ihrer besonderen Einstellung zum Leben, ein wenig von gewissen Formen religiöser Möglichkeiten beeinflußt; diese aber sind für den Menschen nun ausgelöscht worden... Malerei, alle Kunst, ist ein Spiel geworden, mit dem der Mensch sich ablenkt. Man kann sagen, daß es immer so war – aber jetzt ist es nur noch ein Spiel. Faszinierend dabei ist, daß es für den Künstler so immer schwerer werden muß; denn er muß das Spiel vertiefen, damit es irgendeinen Reiz hat, um das Leben ein wenig aufregender zu machen.

Dies sind Sätze des Engländers Francis Bacon, eines der erfolgreichsten, berühmtesten Maler der Gegenwart.

Wenn Robbe-Grillet bei der Schriftstellerkonferenz in Leningrad darüber klagte, daß die offizielle Einstellung zum „modernen Roman“ in der Sowjetunion ganz die gleiche sei wie in der westlichen Bourgeoisie, so hatte er recht.

Von offizieller Seite in der Sowjetunion hätte nicht anders gesagt werden können, was der Erfolgsfilm-Regisseur Sir Carol Reed über den „modernen westlichen Elendsfilm“ sagte: „... Es ist nicht vernünftig, Leuten Filme zu zeigen, die ihr eigenes Unglück betonen, Menschen muß Optimismus, Glück, Hoffnung gegeben werden. Ich bin sicher, daß Menschen besser auf Geschichten über Personen reagieren, so wie sie sie selbst gerne wären, als über Personen, so wie sie sie selbst wirklich sind.“

Wenn bei derselben Konferenz in Leningrad die These eines Sowjet-Delegierten, Schriftsteller müßten ihrem Publikum gegenüber genausoviel Verantwortungsgefühl haben wie Flugzeugführer gegenüber ihren Passagieren, von einem Franzosen mit der Antwort vernichtet wurde, daß Piloten, die über Glück und Optimismus quatschen, Propagandisten hätten werden sollen und nicht Piloten – so empfindet man, daß sich auch Sir Carol diese Antwort hinter die Ohren stecken kann.

Es bleibt nichts anderes übrig, als sich ganz und gar gegen politisch oder kommerziell diktierten Kunst-Optimismus zu erklären – und ganz und gar für die künstlerischen Endspiel-Pessimisten unserer Tage. Oder nicht?