Von Kurt Wendt

Mit Unterbrechungen haben sich die Kurse der deutschen Aktien in der letzten Woche weiter aufwärts bewegt. Am Wochenbeginn überschritten zahlreiche Papiere ihre bisherigen Jahreshöchstkurse. Dennoch konnte von Überhitzungserscheinungen nur dort die Rede sein, wo durch sogenannte „Börseninformationsdienste“ zum Kauf bestimmter Werte angeregt wurde. In solchen Fällen kam es zu überdurchschnittlichen Kurssteigerungen, die vielfach über das vertretbare Maß hinausschössen. In den sogenannten Standardaktien dagegen kletterten die Notierungen sozusagen zentimeterweise – unter strenger Kontrolle der Kreditinstitute, die keinerlei Interesse daran haben, daß sich die gegenwärtige Kursbewegung durch überschnelle Kurssteigerungen in Kürze totläuft. Vielmehr scheint es die Absicht der Banken zu sein, eine möglichst große Zahl ihrer Kunden in die Aktien zurückzuführen, die sie seinerzeit in der Baisse verärgert verlassen haben.

Das ist keine leichte Aufgabe, wie die Erfahrung zeigt. Bislang war der Käuferkreis nämlich relativ klein. Er beschränkte sich im wesentlichen auf die Großanleger (Versicherungen usw.) sowie auf einige wenige große Kunden, die ihre Portefeuilles zu ergänzen suchten. Der eigentliche Aktiensparer zögert noch. Einerseits scheint er der gegenwärtigen Börsenstabilität nicht so recht zu vertrauen, andererseits sind ihm die Preise – wenn er sich an den Baisse-Tiefstand erinnert – schon zu teuer geworden. Er fürchtet, daß er wieder einmal – wie im Jahre 1960 – zur höchsten Stand „einsteigen“ könnte, so daß ihm später nichts mehr anderes übrigbleibt, als Verluste zu kassieren.

Daß dieses Zaudern in den letzten Wochen sträflich falsch war, ist inzwischen bewiesen. Ohne Zweifel ist das Risiko des Aktienkaufs nach der jüngsten Aufwärtsbewegung größer geworden als es zu Beginn dieses Jahres war. Wenn man den Banken jedoch glauben darf, so sind noch längst nicht alle Chancen verpaßt. Börseibewegungen – sieht man von den Tagesschwankungen ab – orientieren sich in erster Linie in der Konjunkturentwicklung. Diese verläuft bei uns zwar nicht einheitlich, doch in der großen Linie wohl wieder aufwärts und parallel dazu geht auch die Börse.

Es ist nicht verwunderlich, wenn sich die Anleger zunächst an solche Branchen halten, bei denen sich eine bessere Beschäftigungs- und Gewinnlage schon deutlich abzeichnet. Diese Anzeichen glaubt man wohl zu Recht in der Maschinenbauindustrie zu sehen, die am ehesten von einer sich wieder belebenden Investitionstätigkeit profitieren wird. Von der Rendite her gesehen haben allerdings manche Papiere bereits stolze Kurse erreicht. Es fehlt nicht an Warnungen vor Übertreibungen, wie überhaupt immer wieder gemahnt wird, nicht wieder in die während der Hausse-Zeit (bis 1960) gemachten Fehler zurückzufallen. Bei allen Kaufüberlegungen sollten nicht die zügellose „Phantasie“, sondern der Rechenstift und die zuverlässige Information maßgebend sein.

In den letzten Wochen ist es mehr als einmal vorgekommen, daß sogenannte Tips die Anleger auf falsche Fährten gelockt haben. In jüngster Zeit war das beispielsweise bei den HEW-Aktien der Fall. Sie erlebten urplötzlich unter großen Umsätzen einen Anstieg auf eine überaus problematische Höhe. Irgend jemand wollte gewußt haben, daß bei diesem Unternehmen in naher Zukunft steigende Dividenden zu erwarten seien.

Als auf der Hauptversammlung davon nicht die Rede war, versuchte die Spekulation rasch wieder auszusteigen. Das war natürlich nur zu weichenden Kursen möglich. Und die Verluste wären noch größer gewesen, wenn in diesem Falle nicht eine verantwortungsbewußte Kurspflege betrieben worden wäre, die es verhinderte, daß Notierungen wie „gestrichen Brief“ an den Kurstafeln erscheinen mußten.