Von Ermano Höpner

Der Hüter der Schlafwagenordnung servierte einen Brandy und dazu ein Fläschchen Soda. Er stellte beides diskret auf den Ecktisch unter dem Spiegel, meinte, daß es mit dem Zahlen bis morgen. Zeit habe, und sagte: „Wünsche wohl zu ruhen!“

Der Reisende schob sich ein zweites Kissen unter den Nacken, um die Abendzeitung genüßlich im Liegen studieren zu können. Ihn fesselte ein Resümee über die Zustände auf den überforderten deutschen „Schnellstraßen“. Die Autofahrer, so hieß es, seien zu bedauern, und man müsse den Verantwortlichen mehr als bisher Beine machen.

Der Reisende befand sich auf einer Autotour. Zwar lag er dabei weich gebettet, aber dennoch nicht in der Stimmung, uneingeschränkt das Hohelied von Bundesbahn und DSG zu singen. Sein Schlafwagen mit der Nummer 457 ratterte, daß die Lesebrille zitterte, er lag dazu in Bett drei, auf der Achse also, und ihm schwante, daß der Fahrtruß seinem Wagen ein Make-down geben würde.

*

Die Lichter der Bahnhöfe huschten vorbei. Im Frankfurter Raum umkurvte er wie in Siebenmeilenstiefeln ein Labyrinth berüchtigter Verkehrsknoten. Der von Brandy erfüllte Mot-Tourist fand, daß die Zeit und die der Zeit nachhinkenden Straßenbauer, der Bahn letztlich in die Hände spielten. Je mehr Kraftwagen, um so enger die Straßen, um so dringender ein Dreh, dem Getümmel auf dem Asphalt zu entkommen. Die Aktion „Auto im Reisezug“ ist ein solcher Dreh: Verladen, den Durst löschen, schlafen, ankommen. Der Reisende fand die Eleganz bestechend, mit der die Bahnleute das Manöver gelöst haben: Die Auffahrten sind geebnet, es stehen genug geschulte Einwinker bereit, und es vergehen bei alledem nur Minuten. Wer beizeiten an der Abfahrtstation eintrudelt, kann ohne Pause von der Chaussee in den Zug hoppeln (über einige Querschwellen), die Handbremse anziehen, das kleine Nachtgepäck ergreifen und die Tür des Schlafwagenabteils hinter sich schließen.

Das alles ist fraglos attraktiv. Die Deutsche Bundesbahn wußte auch schon zu melden, daß die Aktien günstig stehen. Allein in der ersten Hälfte dieses Jahres hat sie an die 7000 Touristenautomobile im Huckepack befördert. Das heißt auch: 7000 Fahrzeuge weniger auf den Zwangskriechspuren der Schwäbischen Alb oder den Rennstrecken um Darmstadt und Köln. Allein im Juni ließen sich 25,5 Prozent mehr Urlauber mit Familie, Gepäck und Wagen auf den Schienen nieder als im Vergleichsmonat des Vorjahres.