H. B., Brüssel, im September

Wenn ein Familienmitglied die Grippe bekommt, so isoliert man den Kranken nach Möglichkeit. Sorgen vor Ansteckung beschäftigen in diesen Wochen auch die EWG-Kommission in Brüssel. Die Inflationsentwicklung in Italien und Frankreich könnte auf die übrigen vier Mitgliedsstaaten der Gemeinschaft übergreifen. Das wäre ein lebensgefährliches Ergebnis der Verflechtung von sechs Volkswirtschaften. Nichts könnte überdies dem Gedanken der europäischen Einigung einen schwereren Schlag versetzen.

So ergab sich eine ironische Pointe: Der Vizepräsident der EWG-Kommission, der Franzose Robert Marjolin, mußte neben der italienischen auch die Regierung seines Landes ermahnen – im Namen der europäischen Exekutivbehörde. Marjolin – im letzten französischen Wahlkampf sozialistischer Kandidat für die Nationalversammlung – forderte die beiden Regierungen obendrein zur Dämpfung der Nachfrage, also zum Anlegen der Lohnbremse auf.

Die Brüsseler Kommission ist zusammen mit ihrem konjunkturpolitischen Ausschuß der Überzeugung, daß der Preisauftrieb in Europa vor allem das Ergebnis von Lohnerhöhungen ist, die sich in diesem Ausmaß volkswirtschaftlich nicht mehr vertreten lassen. Der Konjunkturausschuß steht unter Vorsitz des liberalen Professors Müller-Armack, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium. Marjolin, selbst von Sorge erfüllt, überbrachte die Warnung der Europäischen Kommission am Wochenbeginn in Paris den dort versammelten Finanzministern der sechs EWG-Staaten; der Sozialist hatte keinerlei Abstriche zu machen.

Die EWG-Kommission empfiehlt neben Maßnahmen der Kreditbeschränkung das Einwirken auf die Tarifpartner, damit sie eine der volkswirtschaftlichen Leistung angepaßte Lohn- und Preispolitik führen. Der Kampf gegen Einschränkungen des Wettbewerbs – besondere Zielscheibe: die Preisbindung – soll verschärft werden. Die EWG-Staaten mögen endlich den Vertrag nutzen und zur Erhöhung preisdrückenden Angebots die Zölle schneller senken. Die „Sechs“ sollen auch die Sondersteuern auf tropische Produkte wie Kaffee und Tee preissenkend abbauen. Schließlich empfiehlt die Kommission eine liberale Handelspolitik gegenüber der übrigen Welt.

Das ist eine erfreulich klare Absage an de Gaulles europäischen Autarkie-Gedanken.