Von Reinhold Klamm

Stellen wir uns vor, daß plötzlich die 135 Millionen Kraftwagen, die es zur Zeit in der Welt gibt, ihren Dienst versagen würden. Stellen wir uns weiter vor, daß alle Automobilwerke von heute auf morgen ihre Tore schließen müßten. Was ergibt sich aus einer solchen utopischen Hypothese?

Nahezu alle Bereiche der Wirtschaft würden in größte Schwierigkeiten geraten. Die Transportleistungen des motorisierten Straßenverkehrs haben einen solchen Umfang angenommen, daß es völlig illusorisch wäre anzunehmen, andere Verkehrsträger könnten diese Aufgabe zusätzlich erfüllen. 184 Milliarden Kilometer legten allein die in der Bundesrepublik zugelassenen Kraftfahrzeuge im Jahre 1961 zurück, 91 Milliarden Kilometer davon die Personenkraftwagen.

Und zum zweiten Teil unserer Hypothese: 1962 wurden in der Welt 17,7 Millionen Kraftwagen hergestellt, davon allein 8,2 Millionen in den USA. 16 bis 18 Millionen Beschäftigte auf der ganzen Erde verdanken dem Automobil direkt ihren Arbeitsplatz. Die Zulieferindustrie noch hinzugerechnet, wäre mit Sicherheit eine ernste Weltwirtschaftskrise die Folge, wenn die Autofabriken ihre Tore schließen müßten. Andersherum gesehen ist die Automobilindustrie ein Wirtschaftsbarometer, das mit großer Präzision auf Konjunkturschwankungen reagiert.

Gegenwart und Zukunft bauen auf der Vergangenheit auf. Eine der Realität nahekommende Prognose sollte daher stets auf einem objektiven Rückblick basieren. Ein Exkurs in die Geschichte der Automobilwirtschaft führt zu nicht wenigen überraschenden Erkenntnissen.

Man wird den Tatsachen nicht ganz gerecht, wenn man dem Automobil erst für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg eine wirtschaftliche Funktion zubilligt. Das Automobil – 1908 von einem Reichstagsabgeordneten als menschenmordendes Teufelsfahrzeug bezeichnet – gab im Jahre 1914 in Deutschland immerhin schon 50 000 Menschen Arbeit und Brot. Und in den Jahren vor dem Kriege wurden von der deutschen Automobilindustrie im Durchschnitt schon 50 000 bis 60 000 Kraftwagen hergestellt.

Die Produktion des Jahres 1914 entsprach einem Wert von über 207 Millionen Mark. Im Jahre 1901 noch belief sich der Produktionswert auf nur 5,7 Millionen Mark. In dem knappen Zeitraum von nur 13 Jahren stiegen die Umsätze der deutschen Automobilindustrie auf das Vierzigfache.