Der Londoner „Economist“ (Nr. 6162) beschäftigt sich mit den Befürchtungen, die in Deutschland herrschen und von denen auch die Nachbarn Deutschlands erfüllt sind:

„Die Politiker, die in Deutschland während der vierzehn Jahre des Kalten Krieges regierten, haben die Sprache der Wiedervereinigung gewählt, um ihre Furcht vor seiner Beendigung auszudrücken. Es ist den Russen, natürlich unmöglich, die ‚Selbstbestimmung‘ des deutschen Volkes anzunehmen, in der die einzige Form der Wiedervereinigung ausgedrückt ist, auf die sich die Westdeutschen einlassen werden. Den Deutschen zu erlauben, den Kommunismus durch eine riesige Mehrheit niederzustimmen, würde für die russischen Führer in Osteuropa und in dem Kampf mit den Chinesen eine solche Niederlage bedeuten, daß eine solche Regelung nicht in Frage kommt.

Die vielen russischen Vorschläge für eine Wiedervereinigung, die alle darauf hinzielen, die beiden deutschen Staaten als so gleich zu behandeln, wie sie es nicht sind, und sie vom übrigen Europa zu trennen, sind gleicherweise unannehmbar. Unter diesen Umständen bedeutet Wiedervereinigung den völligen Zusammenbruch der Politik der einen oder anderen Seite ... Je mehr die Deutschen sich an die Logik des Entweder – Oder‘ klammern, um so mehr festigen sie die Spaltung ihres Landes. Für das Ziel der Wiedervereinigung bedeutet Unbeweglichkeit eine Niederlage, die man sich selber zufügt.

Der Scherz französischer Diplomaten, daß jedermann ein wiedervereinigtes Deutschland wünsche, wie er in den Himmel zu kommen wünsche, nämlich ohne Eile, daß er dahin gelange, hat als Grundlage einen Schwarm von Befürchtungen: Die deutsche Furcht davor, von Amerika verkauft zu werden; die Furcht des westlichen Europas vor einem deutschen politischen Geschäft mit Rußland; die osteuropäische Furcht vor der Stärke eines wiedervereinigten Deutschlands; und sogar die britisch-amerikanische Furcht davor, daß die Leidenschaft für die Wiedervereinigung am Ende ein gaullistisches Westeuropa schaffen würde. Die Befürchtungen passen nicht alle zusammen, aber sie müssen alle beschwichtigt werden.

Das ist nur möglich, wenn man beweist, daß eine Politik der Entspannung vorwärts getrieben werden kann, ohne daß die gemeinsame Front zerbricht. Und das erfordert Zeit. Zeit, den Deutschen zu zeigen, daß opportunistische Anklagen wegen eines ‚neuen Münchens‘ ebenso unbegründet wie verfehlt sind. Zeit für eine neue Regierung in Bonn, die weniger eingehüllt sein müßte in das Panzerhemd des Kalten Krieges als die alte. Zeit sogar für Chruschtschow, der den westlichen Unterhändlern klargemacht hat, daß er sich nur ‚langsam beeilen‘ wird.“