Die hypnotische Wirkung, welche der Rückblick auf die über Gebühr berühmten „goldenen zwanziger Jahre“ auf viele Zeitgenossen ausübt, trübt so oft ihre Einsicht in die Tatsache, daß alles, was damals florierte und bis zu einem gewissen Grade allgemeingültig wurde, seine Wurzeln bereits in den Jahren zwischen 1900 und dem Ersten Weltkriege hatte. Das zwölfjährige Interregnum des gewalttätigen Ungeistes hat überhaupt unsere historischen Perspektiven einigermaßen verschoben, so daß die jüngere Generation, immer wieder mit dem Begriff „Bauhaus“ konfrontiert, weithin des Glaubens ist, in Weimar und Dessau sei die moderne Kunst schlechthin erfunden worden, insbesondere die neue Architektur. Jede Monographie eines der großen Bahnbrecher, von denen schon das erste Jahrzehnt unseres Jahrhunderts zu berichten hat, ist darum zu begrüßen als ein Beitrag zur nötigen Korrektur unserer kunstgeschichtlichen Orientierung. In eben diesem Sinne – aber auch als hervorragendes Persönlichkeits- und Leistungsdokument – ist eine Darstellung desjenigen modernen deutschen Baumeisters bedeutsam, der vor allem, wie Bartning auf evangelischer Seite, Begründer und Vollender des neuen katholischen Kirchenbaus wurde:

„Dominikus Böhm – Große Monographie“; Verlag Schnell und Steiner, München und Zürich; 544 S., 420 Abb., Fotos, Kohlezeichnungen, Skizzen, Modelle, 340 Pläne; 85,–DM.

Von Dominikus Böhm, dem bayerischen Schwaben, dessen Leben den Zeitraum von 1880 bis 1955 umfaßte, sagt Kardinal Frings in einem dem Buche vorangestellten Gedenkwort, er habe „die kirchliche Baukunst aus den Fesseln des Historismus gelöst und gemäß dem neuen Material und gemäß den neugewonnenen liturgischen Einsichten gebaut“. Mit diesen wenigen Worten läßt sich in der Tat das Lebenswerk dieses Künstlers und Lehrmeisters erschöpfend aussagen. Er hat als erster den Sakralbau aus der Nachahmung alter Stile gelöst, ihm neue Möglichkeiten der Raumgestaltung, neue architektonische Elementezugeführt, neue Prinzipien der Materialverwertung erschlossen; gleichgültig, ob er sich jeweils des Steines der gegebenen Landschaft oder der neutralen technischen Mittel, des Betons bediente, aus welchem er die kühnsten Decken- und Gewölbeformen entwickelte. 1908, auf der Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes in Darmstadt, wurde die Öffentlichkeit erstmals auf seine Pläne für Profan- und Kirchenbauten aufmerksam, entdeckte sie erstmals seine Entschlossenheit zu neuen Ideen und unbegangenen Wegen. Den Fünfzigjährigen zählte man zu den anerkannt großen Kirchenbaumeistern der Welt. Der 65- bis 70jährige fand endlich noch ein weites Wirkungsfeld im Wiederaufbau der vielen zerstörten Kirchen, vornehmlich des rheinischwestfälischen Raumes.

Der vorliegende Prachtband gewährt eine Übersicht über Böhms gesamtes Schaffen. Hervorragende Sachkenner erläutern das grandiose Bildwerk: Professor Dr. August Hoff, der ehemalige Direktor der Kölner Werkschulen, an denen Böhm von 1926 bis 1934 und 1947 bis 1953 wirkte, in synthetischer Gesamtschau; Dr. Herbert Muck von der Wiener Kunstakademie aus liturgischer Sicht; Baudirektor R. Thoma, München, ein Neffe Böhms, von der bautechnischen Seite. a-th