Dumpfer Trommelwirbel, helle Fanfarenstöße, mit schwarzem Tuch ausgeschlagene Gänge, die Szenerie erweitert sich, über eine Leinwand schleppen sich müde Krieger, Vorderlader, Säbel, lange und kurze, Pistolen, große und kleine, eine ausgebreitete Generalstabskarte: linker Flügel französische Artillerie, des Prinzen von Isenburg-Büdingen weiße Uniformjacke mit den sechzehn goldenen Knöpfen und den zwei handtellergroßen Epauletten scheint darauf zu warten, angezogen zu werden. Und wenn nicht der Ambulanzkasten daneben stände, könnte man meinen, im Berliner Zeughaus unter den Linden zu sein, so aber ist es ein erster Hinweis auf die Ausstellung in Genf, die hundert Jahre Rotes Kreuz zeigt, in den Hallen, wo sich sonst die jährliche Genfer Autoshow präsentiert. Von der Schlacht bei Solferino bis zu dem Erdbeben in Skopje. Der Passierschein, den Marschall Wrangel den Ärzten ausstellte, damit diese auf den Düppler Schanzen ungehindert verbinden konnten, ist ebenso zu sehen, wie Auszüge aus den Verwundeten- und Gefangenenlisten aus dem Zweiten Weltkrieg. Hundert Jahre Rotes Kreuz auf weißem Grund. Kriege, Kriege.

Viele Betrachter der Ausstellung möchten nach der ersten halben Stunde des fast dreistündigen Rundganges umkehren. Mit geschichtlicher Akribie werden ihnen an Schautafeln, Photographien, an der Entwicklung der Geschoßkugeln, an Verbandskästen und Tragbahren, an Flinten und Uniformen gezeigt, wieviel Kriege es in den letzten hundert Jahren gab: Spanisch-amerikanischer, russisch-japanischer, Krieg Italiens gegen die Türkei, erster Balkankrieg, zweiter Balkankrieg, 14/18.

Ein wehrhafter amerikanischer Sherman-Panzer des Zweiten Weltkrieges zielt mit seinem Geschützrohr auf den Besucher, der an den Filmberichten aus den Jahren 39 bis 45 nicht vorbei kommt: Stalingrad, torpedierte Schiffe, endlose Reihen von Kriegsgefangenen, Bomben auf nächtliche Städte. Pazifisten könnten die Schrecken des Krieges nicht plastischer darstellen, und sie könnten für ihre Sache nicht besser werben, als es das Rote Kreuz tut.

Aber das ist ja nun nicht die Aufgabe des Roten Kreuzes, und so wird mit Nüchternheit – so als handele es sich darum, die Qualitäten einer neuen Maschine zu demonstrieren – die Arbeitsweise eines Wagen erklärt, der, mit viel komplizierten Geräten ausgestattet, feststellt, wie hoch in einem atomverseuchten Gebiet die Radioaktivität ist.

Geschäftlichen Sinn mit caritativem Takt verbinden, lautete wahrscheinlich die Marschroute, die den deutschen Ausstellern (der Ausstellung ist eine Art Handelsmesse für klinische Artikel angeschlossen) nach Genf mitgegeben wurde. Und so preisen sie denn fahrbare und zusammenklappbare Kliniken an und verstehen, in die Photographie, die einen Bombenangriff auf das Ruhrgebiet zeigt, ihre Erzeugnisse hineinzukopieren. „Israelis und Araber interessierensich für unsere Artikel verkündet stolz der Werbechef.

Es ist eine moderne Ausstellung, nichts da von Häubchen und Rot-Kreuz-Tracht. Blau gekleidete Hostessen empfangen einen, geleiten, beraten, und verabschieden den Besucher. Wer will, den verkaufen sie Rot-Kreuz-Puppen mit Häubchen für 6, 10 und 20 Franken, sorgfältig in einem Zellophansarg verpackt. Genauso wie die Berliner ihren Bär als Souvenir anbieten.

Vierundneunzig nationale Gesellschaften sind in der Liga des Roten Kreuzes zusammengefaßt, Gesellschaften des Roten Halbmonds und des Löwen darunter (in einigen Ländern gelten diese Symbole). Über dreißig sind in den letzten Jahren gegründet worden. Jeder neue afrikanische Staat will nun einmal, so erklärte Hendrik Beer, der schwedische Generalsekretär der Liga, seine eigene Rote-Kreuz-Gesellschaft haben, mit dem Recht, in Genf ein Wörtchen mitzureden. Mitunter erschöpfe sich die Entwicklungshilfe, eine „negative Rolle“ zu spielen, simple Erziehungsarbeit zu leisten und taktvoll zu erklären, daß der Cadillac mit Chauffeur für den Rot-Kreuz-Präsidenten nicht so wichtig sei wie ein geländegängiger Jeep, ausgestattet mit Medikamenten. Ein Millionen-Programm ist im Sekretariat von Hendrik Beer entwickelt worden, und in den nächsten fünf Jahren sollen Entwicklungshelfer in die neuen Staaten geschickt werden, um dort mitzuhelfen, lokale Rot-Kreuz-Organisationen aufzuziehen.

Das französische Alphabet placiert die deutschen Rote-Kreuz-Delegationen aus Bonn und Dresden nebeneinander. Hans Ritter von Lex vertritt mit souveräner bayerischer Jovialität das Bonner Rote Kreuz. Dr. Ludwig aus Dresden ist ein blonder großer Mann mit einem sympathischen Jungengesicht. Seine Arbeit und seine Bemühungen gehen ohne Aufsehen voran. In beiden deutschen Staaten werden aber nun einmal die Erfolgszahlen des Menschlichen nicht sonderlich beachtet. Hang von Kuenheim