Von Ernst Topitsch

Ernst Topitsch ist Professor am Institut für Soziologie und Ethnologie der Universität Heidelberg

Es scheint, daß nunmehr eine Reihe von Legenden nachdrücklich in Frage gestellt werden, die unmittelbar nach dem letzten Kriege entstanden sind und die längste Zeit fast widerspruchslos hingenommen wurden.

Es sind dies Legenden, die sich zur Verdeckung oder Verdrängung der Zusammenhänge zwischen dem Nationalsozialismus und bestimmten einflußreichen Institutionen und geistigen Traditionen entwickelt haben.

Dazu gehört die sehr nachdrücklich propagierte Auffassung, die katholische Kirche sei von Anfang an und unbeirrt ein Hort des Widerstandes gegen Hitler gewesen. Erst 1958 meldeten sich Stimmen des Zweifels, und es wurde 1963, bis die gründliche Arbeit von H. Müller „Katholische Kirche und Nationalsozialismus“ erschien, ein Buch, das endlich eine tragfähige Grundlage zur Kritik der bisherigen fable convenue bietet.

Jener Legende verwandt, aber nicht auf eine bestimmte Institution bezogen, ist die vielleicht noch weiter verbreitete Meinung, nur eine metaphysische Begründung der „wahren Gesellschaftsordnung“ bilde einen verläßlichen Schutz von Freiheit, Demokratie und Menschenwürde; wer jedoch die Metaphysik kritisiere, sei wissentlich oder unwissentlich ein Wegbereiter der totalitären Tyrannei. Dieser Mythos ist bisher im Nachkriegsdeutschland kaum folgerichtig angegriffen worden, obwohl hinter ihm keine straff organisierte kulturpolitische Gruppe steht.

Es wäre möglich und wünschenswert, daß ein Anstoß zur Revision der Legende von der Metaphysik als einer Garantin der Demokratie von einem Buch ausginge, welches kürzlich breiteren Kreisen des deutschen Publikums zugänglich gemacht wurde, nämlich Der Verfasser, einer der namhaftesten deutschen Soziologen unseres Jahrhunderts, hat als Marxist begonnen; 1933 mußte er Deutschland verlassen, bis zu seinem Tode (1952) hat er in Skandinavien gewirkt. Unter dem Einfluß der dort vorherrschenden’ neopositivistischen Wissenschaftstheorie und in Auseinandersetzung mit ihr hat er sich immer mehr vom Marxismus gelöst, dessen starke Bindung an die Denkformen der spekulativen Philosophie Hegels ihm mit dem Anspruch auf folgerichtige Wissenschaftlichkeit unvereinbar erschien.