Von Josef Müller-Marein

Bei den Begräbnisfeierlichkeiten um die sterblichen Überreste Robert Schumans gab es am vorigen Samstag in Metz weder Reden noch Kränze. Dies lag im ausdrücklichen Willen des Verewigten. Weil er bescheiden war? Er war wahrhaftig der bescheidenste unter den großen Staatsmännern unserer Tage. Aber er war auch der höflichste unter ihnen, der vorsichtigste, der empfindsamste.

Es besteht kein Zweifel darüber, daß er, bevor er starb, sich Gedanken darüber gemacht hat, was sie an seinem Sarge wohl reden würden: all diese Politiker, die sich seine Freunde nannten und es auch wirklich waren. Sie würden von ihm als einem der "Väter Europas" reden. Aber dann würden sie auf Europa selbst zu sprechen kommen. Und dann bliebe es nicht aus, daß die einen oder anderen Würdenträger die "europäische Konzeption" Schumans nach verschiedenen, nach ihren eigenen Maßen auslegen würden, nach modifizierten aktuellen "Richtlinien" oder im Protest dagegen. Schuman wollte nicht, daß Differenzen an seinem Sarge ausgetragen würden. Keine Rede, keine Kränze! Wahrscheinlich war es sogar in seinem Sinne, daß sein Freund Adenauer nicht erschien, sondern sich durch einen anderen, weniger engen Freund, durch Minister Krone, vertreten ließ.

Zu schön, zu groß waren jene von der großen Öffentlichkeit damals nicht gebührend bemerkten Augenblicke gewesen, als sie zu dritt beisammen waren: Schuman, Adenauer, de Gasperi. Die drei Ministerpräsidenten oder Kanzler ihrer Länder sprachen deutsch. De Gasperi, weil er im Wiener Parlament Abgeordneter aus Norditalien gewesen war; Robert Schuman, weil er lothringischer Herkunft war, im Ersten Weltkrieg deutscher Soldat gewesen und in Bonn, in Berlin, in Straßburg studiert und seine juristischen Examina abgelegt hatte.

Diese drei großen Chefs der christlichdemokratischen Parteien Deutschlands, Italiens, Frankreichs sprachen nicht das Deutsch des "Wirtschaftswunders", sondern ein Deutsch, das den Trümmern angemessen war und dem Brandgeruch, der noch über Europa lagerte. Sogar de Gasperi, der Formulierungskünstler, wich großen Worten über Europa aus, wie sie zur Zeit des Völkerbundes so herrlich in Genf aus dem Munde von Aristide Briand geströmt waren. Die beiden anderen waren ohnehin keine Rhetoren. Sarkastisch ja, das waren sie zuweilen, Adenauer gelegentlich auf provozierende Weise, Schuman jedoch auf solch sanfte Art, daß er, wenn er ein kritisches Bonmot wagte, sogleich mit einem schüchternen Lächeln um Verzeihung bat.

Schuman hatte, wie de Gasperi, persönlich erfahren, daß Staatsgrenzen nicht nur Völker – mögen sie gleichen Stammes oder miteinander verwandt sein –, sondern sogar einzelne Menschen quasi durchschneiden können. Er wußte, daß es unter derart "zweigeteilten" Leuten viele gibt, die der einen Hälfte ihres Wesens gierig abschwören und die andere Hälfte dem Nationalismus weihen. Er jedoch, ebenfalls ein Zweigeteilter, war allem Nationalistischen feind; er schämte sich nie, daß sein Französisch stets einen Anklang an den deutschen Akzent behalten hatte. Er sprach nicht gern. Aber wenn er als Deputierter seit 1919 oder als Finanzminister, als Außenminister oder Ministerpräsident in der Nationalversammlung das Wort ergriff, lauschte man ihm. Ja, die Aufmerksamkeit setzte im Palais Bourbon schon ein, wenn er zögernd, mit vorgeneigtem Kopf, langsam das Podium bestieg. Sprach er, so schien er stets nach Worten zu suchen, aber er war immer vorzüglich präpariert. "Kein guter Motor", sagte Ministerpräsident Bidault von seinem Außenminister Schuman. "Er dreht sich mit zu wenig Gas."

Nun, wenn dies so war, dann muß man desto mehr bewundern, mit welcher Schnelligkeit und Energie er in den entscheidenden Augenblicken reagierte.