In Salzgitter ist ein Staatsanwalt den Vopo•Verbrechen auf der Spur

Von Dietrich Strothmann

Es gibt sicherlich keinen westdeutschen Juristen, der den Landgerichtsdirektor Dr. Pracht um seinen Auftrag, um seine Pflicht beneidet, im Fall Fritz Hanke Recht zu sprechen. Der Prozeß gegen diesen Mann beginnt am 7. Oktober vor dem Stuttgarter Schwurgericht. Es wird ein Musterprozeß sein, ein Prozeß, der bisher noch von keinem westdeutschen Gericht geführt wurde.

Fritz Hanke ist kein gewöhnlicher Dieb und auch kein „normaler“ Mörder. Der ehemalige Stabsgefreite stand in Ulbrichts Diensten, er trug den Waffenrock des „Kommandos Grenze“ der Nationalen Volksarmee, und er erschoß einen Flüchtling. Der Stuttgarter Schwurgerichtsvorsitzende und die Schöffen werden es schwer haben, in Sachen Flanke einen gerechten Urteilsspruch zu fällen: Wußte dieser Grenzsoldat, daß er Unrecht beging? War er gezwungen, ein Mörder zu werden? Die Antwort muß eindeutig und klar sein: Befehlsnotstand – ja oder nein? Verbotsirrtum oder nicht?

Damals, nach jenem 5. Juni 1962, als Fritz Flanke an der Zonengrenze am Harzer Wurmberg mit seiner Maschinenpistole einen Arbeiter aus Blankenburg erschoß, wurde er in der DDR für seine Tat mit einer „Grenzdienstmedaille“ und mit einer 200-Mark-Prämie belohnt.

Über diesen Vorgang wurde in jenen Tagen im zweiten Stock des modernen, backsteinverkleideten Amtsgerichtes in Salzgitter-Bad von Staatsanwalt Friedrich Hose eine Akte angelegt. Sie trug die Kennziffer 464/62. Damals war es noch eine dünne, grüne Mappe. Sie enthielt nur die Meldung zweier westdeutscher Grenzbeamten: Am Wurmberg bei Braunlage hatte es „geknallt“. Das war vorläufig alles.

„Ein guter Fans“