Von Heinz Zahrnt

Den Theologen und Philosophen geht es heute ähnlich wie einst den Hirten Abrahams und Lots: „Willst du zur Linken, so will ich zur Rechten.“ Und also haben sie sich schiedlichfriedlich voneinander getrennt. Jeder von ihnen hat, fern von dem andern, seine eigenen Weideplätze bezogen, und es gibt kaum noch Streit zwischen den Hirten.

Das ist keineswegs immer so gewesen. Im Gegenteil, während des weitaus längsten und größten Teiles der abendländischen Geistesgeschichte waren Theologie und Philosophie so nahe beieinander, daß man kaum mit Bestimmtheit sagen konnte: hier höre die Philosophie auf, dort fange die Theologie an. Und auch als die Feindschaft zwischen beiden wuchs, hatte man sich als Feind noch gegenseitig im Auge.

Heute wird von Seiten der Theologie ein intensives Gespräch mit der Philosophie eigentlich nur noch an zwei Stellen geführt, von Rudolf Bultmann und seiner Schule speziell mit der Existenzphilosophie Martin Heideggers und von Paul Tillich allgemeiner fast mit der gesamten philosophischen Überlieferung des Abendlandes.

Auf seiten der Philosophie sieht dies kaum anders aus. Auch hier gibt es ab und an ein Gespräch über den Zaun, Fragen, Einwürfe, auch Hilfen, etwa von Heidegger, Weischedel, Gadamer und Kamiah – aber auf breiter Front wird die Auseinandersetzung im Augenblick fast nur von Karl Jaspers geführt. Das mag daran liegen, daß sich Jaspers bewußter als die meisten anderen Existenzphilosophen noch an die große philosophische Tradition des Abendlandes hält.

Seit dem Jahre 1945 nimmt die Auseinandersetzung mit dem christlichen Offenbarungsglauben in seinem philosophischen Werk einen immer breiteren Raum ein. Ihre Zusammenfassung und Profilierung hat sie in seiner letzten großen Veröffentlichung gefunden – Daß dieses Buch zur Vollendung des achtzigsten Lebensjahres des Philosophen erschienen ist, mutet fast wie ein Zeichen an. Es ist wie eine große Ernte. Was Karl Jaspers, zumal seit 1945, gedacht, gearbeitet und geschrieben hat, ist darin zusammengefaßt, ergänzt, erweitert.

Das Buch trägt viel Vergangenheit in sich, es wirkt wie eine Spätfrucht des abendländischen Geistes. Aber alles Vergangene wird bezogen auf die Gegenwart.