Die recht ärmliche deutsche Filmliteratur – hier herrscht eine rechte Affinität zum deutschen Film – ist nun um eines jener ein wenig unglückseligen Bücher bereichert, bei denen der Anhang das Beste ist –

Jean-Louis Rieupeyrout: „Der Western“ – Geschichten aus dem Wilden Westen – Die Geschichte des Wildwestfilms, mit einem Vorwort von André Bazin, aus dem Französischen von Barbara Kloeß, herausgegeben von Joe Hembus; ein City-Buch, Carl Schünemann Verlag, Bremen; 230 S., mit 850 Wildwestfilmtiteln, zahlreichen Abb. und den ersten dreißig Minuten „Stagecoach“, 23 S., 13,80 DM.

Rieupeyrout ackert sich gründlich durch seinen Stoff hindurch, er stapelt Fakten und weiß der interessanten Winzigkeiten viele, hält sich zwar etwas mehr zurück als André Bazin, dessen hochgestochenes Vorwort ein bißchen übers Ziel hinausschießt, erliegt aber doch jener Unduldsamkeit, die sich notwendig einstellt, wenn zelebriert wird – bei Jazzfans findet man Vergleichbares, auch die Literatur über den Jazz tobt sich im Detail aus und ist bemüht, Klüngelhaftem den Anstrich der Bedeutsamkeit zu geben. Aber hier liegt nicht die eigentliche Schwäche des Buches – es ist ganz einfach zu alt. Die große Zeit des Wildwestfilms waren die fünfziger Jahre, und das Buch ist schon 1953 in Paris erschienen. Dem Anhang – der eine exzellente Übersicht über alle bis 1962 in Deutschland gezeigten Western, sowohl unter dem Original- wie unter den oft verschiedenen Verleihtiteln, verschafft – ist leicht zu entnehmen, welche Western Rieupeyrout noch nicht gesehen hat, als er das Buch schrieb. Daß man von „Stagecoach“ nur ein Protokoll der ersten dreißig Minuten aufgenommen hat, ist eine halbe Sache – ein paar Seiten mehr, und dem Leser wäre das ärgerliche Gefühl erspart geblieben, nach einem Drittel Film aus dem Kino gejagt zu werden. Uwe Nettelbeck