Sir Charles Snow ist ein „VIP“ („very important person“), einer der Prominenten Englands: Naturforscher, hoher Beamter, Träger vieler akademischer und staatlicher Ehrungen. Aber er ist auch, als C. P. Snow, ein erfolgreicher Romanschriftsteller. Bei der Anlage seines vielbändigen, weit ausgreifenden Ich-Romans „Fremde und Brüder“ hat offenbar Proust Gevatter gestanden; nicht umsonst wird einmal unvermittelt und ganz ohne äußere Nötigung der Name Guermantes eingeflochten. Der chronologisch erste Band dieser Romanfolge, „Zeit der Hoffnung“, der die Jugendgeschichte des Erzählers Lewis Eliot bringt, erschien vor zwei Jahren in deutscher Fassung. Jetzt liegen zwei weitere Bände vor –

C. P. Snow: „Das Gewissen der Reichen“, deutsch von Dorothea und Rolf Michaelis; 362 S., 16,80 DM; „Wege nach Haus“, deutsch von Grete Felten; 420 S., 19,80 DM; beides Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart.

Im „Gewissen der Reichen“ (wie auch in einigen noch nicht übersetzten Romanen der Serie) ist Lewis Eliot nicht der Held, sondern nur der Erzähler. Das Buch, das 1927 bis 1936 spielt, beschreibt Spannungen zwischen den Generationen in einer reichen jüdischen Familie, in die er von einem Studienfreund eingeführt wurde. Da glücklicherweise alle Beteiligten dem jungen Eliot grenzenloses Vertrauen schenken, kann er Schritt für Schritt verfolgen, wie Vater und Sohn trotz oder wohl gerade wegen ihrer engen Verbundenheit sich unaufhaltsam einander entfremden. Aber dieser Teil der Lewis-Eliot-Saga ist im Grunde ein Stück Zeitgeschichte in Romanform. Der Vater-Sohn-Konflikt im Hause March ist nicht biologisch, sondern politisch bedingt und typisch für die politische Zerklüftung der englischen Oberschicht in der Vorkriegszeit: die ältere Generation so ruhebedürftig, daß sie weder die sozialen Mißstände im eigenen Land noch die Untaten der Nazis wahrhaben will – die jungen Menschen von Schuldgefühlen gequält, die sie oft in einem kämpferischen Salonkommunismus abzureagieren suchen.

„Wege nach Haus“ ist lebensvoller (und übrigens viel besser übersetzt). Eliot ist weit mehr in seinem Element, denn er spricht wieder von sich selbst, ja, er ist so sehr mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, daß das „Klima“ diesmal etwas zu kurz kommt. Er erzählt von seinen Erlebnissen in den Jahren 1938 bis 1948, die Kriegsereignisse jedoch erwähnt er nur ganz obenhin. Niemand erleidet Schaden, und, noch erstaunlicher, nicht einmal Eliots schwatzhafte Hauswirtin hat eine „Bombengeschichte“ in ihrem Repertoire. Gelegentlich ist in einem Nebensatz von der Verdunkelung, den Rationierungen, dem Ende der Luftangriffe und schließlich dem Ende des Krieges die Rede – das ist alles. Doch ist es ganz richtig, daß in jenen Jahren das Privatleben in London fast unbeschränkt weiterging; die Ausschaltung des Kriegsgeschehens, die in einem Tatsachenbericht unzulässig wäre, kommt also der Wahrheit nahe genug, um als Mittel zu künstlerischer Vereinfachung gerechtfertigt zu sein. Und zu Eliots Privatleben gehört natürlich auch seine Berufsarbeit in einem Ministerium; wenn er, mit all der Sachkenntnis und scharfen Beobachtungsgabe, über die Sir Charles Snow verfügt, das Getriebe des Beamtenapparates schildert und seine Vorgesetzten und Kollegen auftreten läßt, geht seine Erzählung doch wieder weit über das Persönliche hinaus. Die Geschichte seiner zweiten Ehe ist der Stoff eines Durchschnittsromans, überdurchschnittlich behandelt: Mit großer Kunstfertigkeit wagen Eliot/Snow sich immer wieder bis hart an den Rand einer kitschigen Romansituation heran, um im letzten Augenblick elegant abzubiegen. Wenn eigentlich eine sentimentale Szene fällig wäre, bricht die Erzählung plötzlich ab, die Sensationen finden hinter den Kulissen statt.

C. P. Snow gilt in England als einer der bedeutendsten englischen Romanciers unserer Zeit. Nennt man die besten Namen, so wird auch der seine genannt. Das zeigt, daß man seit der Generation, in der die besten Namen zum Beispiel D. H. Lawrence oder Virginia Woolf hießen, die Ansprüche etwas heruntergeschraubt hat. Snow ist kein Neuerer von europäischem Format. Aber er ist ein gewiegter Erzähler, der sein Handwerk beherrscht. Ludwig Fürst ...