Von Walther Weber

Nicht immer führen Verlobungen zum Ziel. Wenn die Probezeit sehr lange dauert, tauchen oft Zweifel auf, ob die Partner wirklich zueinander passen. Bei der Veith-Gummiwerke AG und der BF Goodrich Company, die sich gegenseitig zu ergänzen suchten, ohne sich finanziell zu verflechten, dauerte die freundschaftliche Bindung immerhin schon viele Jahre. Bereits 1954 hatte sich das fünftgrößte deutsche Reifen- und Gummiwerk und das viertgrößte Unternehmen dieser Branche in den USA zusammengetan.

Sicherlich war das Anlehnungsbedürfnis von der Veith-Gummiwerke AG bei Höchst im Odenwald ausgegangen. Denn der mächtige Partner aus der Neuen Welt hatte so etwas nicht nötig. Die deutsche Firma wollte von den Erfahrungen des Freundes profitieren, wie Phoenix-Gummi von Firestone und die Continental Gummiwerke AG vor Jahren von Goodyear und Metzeler zeitweise von General Tire.

Veith wollte auf dem laufenden bleiben und an den neuen Entwicklungen auf dem Gebiete der Forschung teilhaben. Schließlich lassen sich diese Aufgaben von Goodrich bei Jahresgewinnen von umgerechnet 105 Mill. DM (1962), einen Umsatz von 3,25 Milliarden DM und fast 40 000 Beschäftigten leichter vorantreiben als bei Veith, einem Familienunternehmen, das bei einem jährlichen Reingewinn von durchschnittlich einer Million, einem Umsatz von knapp 120 Mill. DM mit seinen etwa 2800 Mitarbeitern alle Köpfe und Hände voll zu tun hat, um mit der großen Konkurrenz im eigenen Lande Schritt zu halten. Die Einführung des schlauchlosen Reifens, die Planung der neuen Fabrik und viele andere technische Neuerungen wären für Veith ohne die Hilfe des Partners kaum zu verwirklichen gewesen.

Doch auch der „Verlobte“ aus den USA handelte nicht ganz selbstlos, als er die Bindung einging. Einmal brachte der Beratungsvertrag Geld. Zum anderen kam der Name Goodrich auf den deutschen Markt. Denn die Erzeugnisse der deutschen Fabrik trugen fortan den Doppelnamen: Veith F. B. Goodrich. Schließlich hegte der Partner wohl auch Hoffnungen, aus der ersten Bindung eines Tages eine intimere, sprich finanzielle Partnerschaft oder Herrschaft machen zu können.

Aber diese Erwartung trog und alle Liebesmüh war vergebens. Anfang Juli dieses Jahres kam es ans Tageslicht, daß Veith die Verlobung mit F. B. Goodrich „im gegenseitigen freundschaftlichen Einvernehmen gelöst“ hatte. Ein „stürmischer“ Bewerber aus dem Süden Europas, die Pirelli Socità per Azioni, hatte den nüchternen Amerikaner verdrängt und die Ernsthaftigkeit des Begehrens bereits wenige Monate zuvor durch den Erwerb einer wesentlichen Beteiligung unterstrichen.

Als dann der heiratslustige Mammutkonzern aus Mailand dem Großaktionär von Veith gegenüber verkündete, daß er „auf alle Fälle in Deutschland eine Produktionsstätte für Bereifungen haben wollte“, zögerte das deutsche Unternehmen nicht lange. „Falls wir uns diesem Angebot gegenüber ablehnend verhalten hätten, hätte die Gefahr einer neuen Konkurrenz in Deutschland bestanden“, meinte der Sohn des Großaktionärs, gleichzeitig Veith-Vorstandsmitglied, resignierend.