Als Junge entdeckte ich eines Tages in der väterlichen Bibliothek ein Buch, das ich mit gleichem Heißhunger verschlang wie meine geliebten Wildtöter-Hefte. Der Verfasser war Herzog Friedrich Adolf von Mecklenburg, der als kaiserlicher Gouverneur von Togo eine Expedition zu den sagenhaften Watussis unternommen hatte.

Was die Watussis im Speerwurf leisteten, war schon großartig, obwohl es wegen der kleineren und leichteren Speere nicht ohne weiteres mit den Leistungen zu vergleichen war, die der weiße Mann mit seinen genormten Geräten schaffte. Aber im Hochsprung schienen die oft zwei Meter großen schwarzen Kerle alles in den Schatten zu stellen, was man für menschenmöglich gehalten hatte. Zweieinhalb Meter hoch, so war es im Buch des Herzogs zu lesen, konnten sie springen. Aber wer weiß, wie Reiseschriftsteller lügen können, wird sofort drei Fragezeichen hinter diesen „Weltrekord“ setzen, der schon vor über einem halben Jahrhundert im afrikanischen Busch Valerij Brumels Höchstleistung im Moskauer Leninstadion deklassiert hätte.

In dem Buch, das spannend wie ein Krimi war, gab es jedoch eine Photographie, die diesen Weltrekord dokumentarisch festhielt. Gut einen Dreiviertelmeter sprang einer der kriegerischen Watussis noch über die Scheitelhöhe bzw. die Offiziersmütze des deutschen Gouverneurs von Togo hinweg, der sich heroisch zwischen die behelfsmäßigen Hochsprungständer gestellt hatte. Ein genauer Beobachter hätte allerdings auch schon den Termitenhügel bemerken können, der den Watussi-Springern als eine Art Sprungbrett diente.

Später, als Togo und unser ganzer Kolonialbesitz längst verloren waren, las ich 1926 wieder einmal eine kleine Notiz, darin stand, daß der Herzog ins Internationale Olympische Komitee gewählt worden sei. Dort wirkte er im stillen – auf Publizität war er nie bedacht. Um so mehr verstand er die Kunst, für sich und sein Land Freunde zu erwerben. Er selbst hatte in jungen Jahren 1898 das Große Armee-Jagdrennen gewonnen und war dann, als ein Befehl des Kaisers seinen „Vettern“ solch gefährliche Unternehmen untersagte, zum Automobilrennsport übergewechselt, den man damals „höherenorts“ offenbar noch als harmlos ansah!

Nach dem Zweiten Weltkrieg trat man in der Bundesrepublik 1956 an den alten Herrn mit der Bitte heran, er möge seinen Platz einem Jüngeren freimachen – der Jüngere hieß Willi Daume.

Und nun geschah im Zeitalter der Funktionäre etwas Einmaliges. Friedrich Adolf, obwohl körperlich und geistig noch völlig rüstig, trat ohne jeden Einwand zurück. Ich weiß nicht, ob es noch einen ähnlichen Fall im erlauchten Kreis der Olympier gibt, die ja auf Lebenszeit gewählt werden und so zäh an ihren Sesseln kleben!

In diesem Entschluß zeigt sich schon die ganze Überlegenheit, aber auch die echte Liebe zum Sport, die stets die Sache über die eigene Person stellt. Weitab von jedem Funktionärsgeist betrachtet Friedrich Adolf auch sein Verhältnis zu den alten Sportlern als ein ganz persönliches und freundschaftliches. Es war zum Beispiel für den 89jährigen selbstverständlich, daß er den ehemaligen Weltrekordmann im Zehnkampf, Dr. Sievert, der in diesem Jahr so früh verstorben ist, auf seinem Krankenlager in der Eppendorfer Universitätsklinik noch einmal besuchte.

90 Jahre alt wurde jetzt dieser wahre Kavalier des Sports, der 1945 als Flüchtling nach Eutin zog, wo er nun im Schloß seiner Verwandten wohnt. Herzog Friedrich Adolf kommt aus einer vergangenen Zeit. In seiner souveränen und doch selbstlosen Haltung kann er aber auch heute noch vielen Sportführern Vorbild sein. Zu Recht ist er nicht nur Ehrenpräsident des Nationalen Olympischen Komitees von Deutschland, sondern auch Ehrenmitglied des Internationalen Olympischen Komitees. A. M.