R. S. Bonn, im September

Große oder kleine Kabinettsumbildung – das ist die Kernfrage all der Mutmaßungen oder Empfehlungen, zu denen Erhard, wie er nun öffentlich erklärte, vor seiner Wahl zum Bundeskanzler nicht Stellung nehmen will.

Da Erhard schweigt, klammert sich die Kombinationssucht an jeden Vorgang, der Hinweise auf das Kabinettsrevirement in sich zu bergen scheint. In der vorigen Woche war Bundesschatzminister Dollinger (CSU) beim Bundeskanzler in Cadenabbia, und die beiden führten, ein fünf- bis sechsstündiges Gespräch miteinander. Daraufhin konnte man dann in einigen großen Zeitungen lesen, Dollinger werde den bayerischen Finanzminister Eberhard ablösen und deshalb dem nächsten Bundeskabinett nicht angehören. Womit der Posten des Bundesschatzministers frei würde, der nun von den Kombinierern dem CSU-Abgeordneten Schmücker zugedacht wurde, der seinerseits allerdings gerne das Wirtschaftsressort übernähme. Dieses würde aber dann, so las man es, für Professor Balke (CSU) frei werden. Höcherl wieder, der zu jener Zeit noch nicht so heftigen Angriffen ausgesetzt war, würde an Stelle Seebohms das Verkehrsministerium übernehmen und Mende das Bundesinnenministerium, das er nachweislich nicht leiten möchte. Hingegen versucht sein Parteifreund Weyer noch immer, es ihm schmackhaft zu machen, was Leute um Dr. Krone (nicht dieser selbst) erwägenswert finden, weil dann nämlich die FDP drei klassische Ressorts hätte und nicht außerdem noch den Vizekanzler-Posten für Mende verlangen könnte. Vizekanzler würde, folgt man diesen Kombinationen, dann Dr. Krone werden.

Wie denn aber, wenn Dollinger gar nicht die Absicht hat, den Finanzminister Eberhard in München abzulösen? Und er hat sie tatsächlich nicht. Worüber hat er dann wohl fünf oder sechs Stunden mit dem Bundeskanzler in Cadenabbia gesprochen? Doch nicht, wie einige vermuteten, über die Kabinettsumbildung, für die ja gar nicht Adenauer, sondern Erhard zuständig ist. Haben Adenauer und Dollinger nicht vielleicht über die CSU gesprochen? Das wäre nämlich ein ergiebiger Gesprächsstoff gewesen, den man schon ein paar Stunden lang erörtern kann. In der CSU geht ja allerlei vor. Abgesehen von den alten Spannungen, die die Partei belasten, kommen jetzt noch die außenpolitischen Differenzen zwischen den CSU-Bundesministern, dem Bundeskabinett, der CDU in ihrer Mehrheit auf der einen Seite und Franz Josef Strauß auf der anderen. Strauß scheint doch darauf hinzuarbeiten, daß sich die CSU bei der Abstimmung über die Ratifikation des Moskauer Abkommens der Stimme enthält. Man fragt sich in Bonn, ob diese Absicht Straußens, wie überhaupt seine harte Kritik an der Bonner Haltung in dieser Frage, nur eine Episode in seiner Comeback-Kampagne ist oder ob sich hier eine dauernde Kursänderung abzeichnet.

Vermutlich wollte sich Adenauer mit einem Kenner der bayerischen Verhältnisse im allgemeinen und der CSU im besonderen darüber unterhalten. Er hat zu Dollinger gute Beziehungen, während dessen Verhältnis zu Strauß seit längerer Zeit stark getrübt ist. Wenn Adenauer auch als Bundeskanzler zurücktritt, bleibt er doch Vorsitzender der CDU. Und wenn er auch das nicht mehr sein wird, dann wird er immer noch als Ehrenpräsident oder in einer ähnlichen Rolle ein maßgebliches Wort in der CDU mitsprechen.

Es war nie Adenauers Art, bedrohlichen Entwicklungen tatenlos zuzuschauen. Nur wenige wissen wohl, ob und wieweit Adenauer seinem bayerischen Gesprächspartner Einblick in seine Gedankengänge gegeben hat. Es könnte sein, daß das Gespräch noch weitreichende Folgen hat.