Stuttgart

Eines der teuersten Bauwerke in Stuttgart wird in der nächsten Woche eingeweiht. Es verschlang mehr Geld als der Fernsehturm, die Liederhalle und das Schauspielhaus; aber in Prospekten und Stadtführern wird es wohl kaum erwähnt werden, obwohl es bei Fachleuten auf erhebliches Interesse stößt. „Nicht so laut“, hatte meine Frau auf der Straße gesagt, als ich mich zum Besuch des neuen Prunkstückes verabschiedet hatte, „es muß ja nicht die ganze Nachbarschaft hören, daß du ins Gefängnis gehst!“

Zu den Journalisten gehörend, die den Staat nur in minderem Maße gefährden, mangelt es mir gänzlich an Gefängnis-Erfahrung. Vor dem Gefängnis mit den über fünf Meter hohen Betonmauern dachte ich an Falladas „Wer einmal aus dem Blechnapf frißt...“, innen drin fragte ich meinen „ständigen Begleiter“, ohne den ein Bürger nicht durchs Gefängnis darf, wenn er nichts verbrochen hat: Das sieht so aus, als ob die Zeller fließend kaltes und warmes Wasser hätten? Nein, nur kaltes, lautete die Antwort, aber selbstverständlich Bad und Duschen in jedem Stockwerk.

Ich kann die neue Haftanstalt des Landes Baden-Württemberg in dem Stuttgarter Vorort Stammheim nur vergleichen mit Etablissements, die ich schon gesehen habe, mit Hotels zum Beispiel, in denen ich schon übernachtet habe – die Stammheiner Zellen sind ruhiger, und die Magnettüren der hübschen Schränke darin klemmen nicht, mit Krankenhäusern – wie sehr hätte ich mich, als ich ein Vierteljahr lang mit acht, teilweise mit zehn Leuten in einem Krankensaal lag, in eine solche Gefängniszelle gewünscht! – mit Übernachtungsheimen karitativer Organisationen, in denen der Mief die Bewohner ins Wirtshaus treibt, und mit Unterkünften für ausländische Arbeiter, denen mit einer solchen sauberen Zelle, sagen wir gegen eine Monatsmiete von 50 Mark, oftmals besser gedient wäre. Ich muß gestehen, das Gefängnis schneidet bei diesen Vergleichen nicht schlecht ab.

Den krassesten Unterschied kennen die Gefängnisbeamten: In der bisherigen Stuttgarter Haftanstalt in der Urbanstraße, in der „Wanzenbude 1872“, wie viele Häftlinge das vor neunzig Jahren errichtete Gebäude nennen, waren zum Teil acht und auch schon zwölf Häftlinge in Vier-Mann-Zellen zusammengepfercht; wer keine Pritsche hatte, bekam abends eine Matratze, die auf dem Fußboden ausgebreitet wurde. „Wir haben jedesmal Angst um unser Leben“, sagte ein Aufseher, „wenn wir diese mit Menschen vollgestopften Zellen betreten.“ Für Gefangene, die ausbrechen wollten, war die Haftanstalt wie gemacht. Mit einem gewöhnlichen Messer die Gitterstäbe lockern und Kanäle durch die Ziegelmauern bohren. Es bleibt nichts anderes übrig, als dieses Gefängnis-Museum demnächst abzubrechen. Dabei gibt es in Baden-Württemberg weniger Gefängniszellen als vor dem Zweiten Weltkrieg, hingegen erheblich mehr Straffällige als früher. Die Zahl der Untersuchungs- und Strafgefangenen hat in den letzten zehn Jahren um ein Drittel zugenommen, relativ stärker als die Bevölkerung.

Schon in den dreißiger Jahren hatte die damalige Reichsjustizverwaltung in Stammheim Gelände für eine Strafanstalt gekauft; davon wurde 1950 ein Areal für die Errichtung eines Durchgangslagers für Sowjetzonenflüchtlinge abgezweigt. In einem Teil der Flüchtlingswohnheime wohnen jetzt Gefängnis-Bedienstete. Das übriggebliebene Grundstück reichte nur noch zu Hochbauten. Auf diese Weise kam Stuttgart zu dem ersten Gefängnishochhaus in Deutschland, vermutlich sogar in Europa. Daher hat auch schon eine stattliche Zahl ausländischer Justizbeamten die Stammheimer Anstalt besichtigt: einen Komplex aus einem neungeschossigen (die zwei Untergeschosse nicht gerechnet) Zellenbau für Männer mit etwa 650 Haftplätzen, einem sechsgeschossigen Bau für Frauen mit etwa 150 Plätzen, einem Wirtschaftsgebäude und einem quadratisch um einen Innenhof angelegten Verwaltungsgebäude.

Das Stammheimer Gefängnis war zunächst als Untersuchungshaftanstalt gedacht – daher 466 Einzelzellen –, soll jedoch auch als Strafanstalt Häftlinge aufnehmen, die bis zu drei Monate zu verbüßen haben. „Wir wollen gerade den Verkehrssündern besondere Aufmerksamkeit zuwenden“, sagt einer der leitenden Beamten. Das „modernste Gefängnis der Bundesrepublik“ soll eine Musteranstalt „mit menschlich erträglicher, sauberer Atmosphäre“ werden. Man frißt nicht mehr aus dem Blechnapf. Dafür gibt es weißes Kunststoffgeschirr, und die Essensportionen werden in beheizten Thermoswagen aus der Küche herangefahren (gäbe es einen Prospekt, würde es darin heißen müssen: Diätkost auf Wunsch).