H.L.,Berlin

Filme aus dem Westen haben in Mitteldeutschland magische Anziehungskraft. Sujet und Qualität sind Nebensache. Wichtig ist allein die Herkunft. Diese Faustregel gilt seit mehr als einem Jahrzehnt für alles Zelluloid, das in Westdeutschland, Westeuropa oder Amerika belichtet wurde. Auch die letzte Klamotte und der albernste Revuefilm bringen volle Häuser, denn sie geben den Zuschauern jenseits der Elbe das, was die DEFA-Produktion grundsätzlich nicht und die Streifen aus den „sozialistischen Brüderländern“ nur selten zu bieten haben: anderthalb Stunden Freiheit vom „Aufbau des Sozialismus“.

Dutzende von Malen haben sich die DEFA-Chefs von ihren Parteioberen schon tadeln lassen müssen für das große Gähnen, mit dem die meisten Produkte des Film-Monopols aufgenommen werden. Alle Appelle zur „Lebensnähe“, zum „Natürlich-Heiteren“ verpufften wirkungslos, denn auch die SED hat das Geheimnis des kommandierten und doch ansteckenden Frohsinns noch nicht gelöst.

Trotz der chronischen Mißerfolge beim Publikum versuchen die Atelierbetriebe in Babelsberg und Johannisthal den Parteiweisungen nachzukommen. Für das finanzielle Defizit kommt indessen der DEFA-Zweig „Progress-Filmvertrieb“ auf. Er bringt das Geld mit einem einfachen Trick in die Kassen: durch den Ankauf von „Westfilmen“. Ein Streifen wie das „Spukschloß im Spessart“ – auf die Reise durch die rund 1200 mitteldeutschen Kinos geschickt – stopft im Handumdrehen die Löcher, die zehn linientreue Filme in die Kassen gerissen haben.

Neuerdings macht die SED auch gegen dieses Doppelspiel der DEFA Front. Nicht allerdings auf dem althergebrachten Weg des Tadels und der Kritik, sondern durch „Geschmackserziehung“. Die „Traumfabrik“ soll offenbar durch die Hintertür erobert werden.

Die „Junge Welt“, das FDJ-Blatt, führt die Kampagne an. Wohl nicht aus Zufall entzündete sie an den „Verwirrungen um Topsy“ eine Leserbrief-Debatte über die Frage, ob harte Devisen für „abgestandene und niveaulose Revuefilme“ ausgegeben werden sollten und ob „nicht gerade mit den sogenannten unpolitischen Filmen falsche Politik“ gemacht werde.

Ganz im Sinne der „Jungen Welt“ entrüstet sich Rüdiger Schaufuß aus Halle über die „billigen Zugeständnisse an die ‚seichte Vergnügungssucht‘ vieler Menschen“, und Gerd Lüdersdorf aus Ostberlin assistiert: „Wir müssen auch hier in die Offensive gehen und zeigen, wie man sich auf bessere, auf neue, auf sozialistische Art unterhält.“