Von Uwe Nettelbeck

Von den Filmfestspielen in Venedig sagt man, sie lohnten die Reise an den Lido allein der vorzüglichen Retrospektiven wegen. Dieses Understatement galt auch 1963. Die erste Retrospektive war dem sowjetischen Film, die zweite Buster Keaton gewidmet, beide brachten fast ausschließlich weniger bekannte Filme. Eisenstein und Pudowkin waren zum Beispiel mit nur je einem Film ("Streik" und "Die Mutter") vertreten, und von den längeren Filmen Keatons ist in Deutschland, ja in Europa, nur "Der General" wieder in die Kinos gekommen.

Hier bahnt sich jedoch eine verdiente Renaissance an. Der Atlas-Verleih hat drei kürzere Keatons zusammengestellt und will von den längeren "The Navigator" und "Our Hospitality" herausbringen. Beide Filme waren in Venedig zu sehen, und es läßt sich nun mit Gewißheit sagen, was man bisher nur vermuten konnte: Keatons Filme sind mit ihrem sicheren Witz, ihrem epischen Atem und ihrer unbedingten Humanität denen Chaplins ebenbürtig, wenn nicht mitunter sogar überlegen.

Die Zahl der Wettbewerbsfilme wurde in diesem Jahr vervielfacht, und der bessere Überblick ging auf Kosten des Niveaus. Trotzdem hat die Mostra ihren Platz als das anspruchsvollste große Festival behauptet. Außer den Wettbewerbsfilmen gab es wieder Erstlingswerke, für die ein Sonderpreis vorgesehen ist. Hier überwogen die italienischen Filme. Ich habe sie nicht sehen können, aber eine Entdeckung scheint allen Äußerungen nach nicht darunter gewesen zu sein.

Anders steht es mit des Franzosen Robert Enricos Film "La belle vie". Ein etwas unbeholfenes, in seinen Mitteln grobes Debüt; ein Regisseur, der weiß, was er will. Ein junger Mann kommt aus dem Algerienkrieg zurück und versucht, sich eine bürgerliche Existenz aufzubauen. Als er es gerade geschafft hat, als er geheiratet, einen Beruf und eine kleine Wohnung gefunden hat, wird er erneut eingezogen. Auf seine Frage, warum und wozu, antwortet man ihm nur: "Lesen Sie denn keine Zeitung?" Hier ist ein imaginärer Krieg gemeint, dessen Realisierung in dieser waffenstarrenden Welt leider nicht ganz unwahrscheinlich ist. Die Unmöglichkeit eines abgekapselten Privatlebens in einer Zeit der Folterungen, der Unterdrückung und Gewalt, der forcierten Aufrüstung und der möglichen Kriege ist überzeugend und ganz ohne Umschweife formuliert. Nur findet Enrico weder bei den eingeblendeten Dokumentaraufnahmen noch bei der Darstellung des Privaten das rechte Maß. Er zieht Auschwitz heran und übersieht dabei, daß es sich hier um ein anderes Phänomen handelt, als sein Film meint; er hat bei der Schilderung von Frédérics Bemühungen, zu vergessen, allzusehr die Kontradiktion im Sinn. Die Gefährdung ist unmerklicher, die Übergänge sind so abrupt nicht. Auch Chris Markers zweiter abendfüllender Film, "Le joli mai", schon in Cannes in einer Sonderveranstaltung gezeigt, konkurrierte um den Operaprima-Preis. Der Film übertrifft "Beschreibung eines Kampfes" und beweist, diskret und klar engagiert, daß man cinéma vérité auch anders machen kann als Cesare Zavattini, dessen ähnlicher Versuch, "I misteri di Roma" (Die Geheimnisse Roms), über billiges Voyeurtum nicht hinauskam und überflüssigerweise zeigte, daß die alten Rezepte des Neoverismus nicht mehr taugen.

Unter den Wettbewerbsfilmen überwog zunächst das Mittelmaß. Tony Richardsons "Tom Jones" ist nicht mehr als ein hübscher Bilderbogen, der seinen Stoff auf die Fabel reduziert – eine Brotarbeit wahrscheinlich. John Schlesinger dagegen ist sich und dem Free Cinema mit "Billy Liar" treu geblieben. Billy lebt in einer beengten kleinbürgerlichen Atmosphäre, aus der auszubrechen ihm nicht gelingt, es bleibt ihm nur die Kompensation: gewalttätige Wunschträume. Mit den Mitteln der konventionellen Komödie gelingt Schlesinger aber beinahe etwas wie das Lied der Jenny aus Brechts "Dreigroschenoper" – Die Unterdrückten sinnen auf Gewalt. Nur macht er es sich zu einfach. Sieg-Heil-Gebrüll und Billy als faschistischer Diktator, das ist zu naheliegend, um richtig zu sein. Joseph Loseys "The Servant", der dritte englische Film, mag vielleicht seine Jünger entzücken, für mich ist er nicht mehr als verwaschener Kintopp. Mit Hilfe einer aberwitzigen Konstruktion kehrt er ein Herr-Diener-Verhältnis um: Der Herr kriecht vor dem Diener auf allen vieren, statt ihm zu kündigen.

Der Japaner Kaneto Shindo, bei uns bekannt durch "Die nackte Insel", erbrachte in Venedig den Beweis, daß von ihm nichts zu erwarten ist, und rückte die Schwächen des ersten Films ins Licht. "Ningen" (Der Mensch) schildert eine Ausnahmesituation: vier Menschen auf einem steuerlosen Fischerboot. Kannibalismus liegt in der Luft, es passiert auch ein Mord, aber dann bekommt das Opfer ein ehrenvolles Seebegräbnis, und de Schuldigen versinken in Reue. Die Frau wird verrückt und bricht sich dabei das Genick, der Mann ersticht sich. Der Vergleich mit "Nobi" – Karl Korn hat ihn in der FAZ gewagt – verbietet sich. Der Film bestreitet geradezu, daß Kannibalismus möglich sei. Nach 59 Tagen auf hoher See ist die Moral der Betroffenen einwandfrei wie je. Der Kapitän betet brav zu Neptun und wird natürlich erhört, die größte Sünde ist der Zweifel an den göttlichen Fügungen und der Weisheit des Führers, dem die Geschicke auch noch dann recht geben, wenn er zum Besten seiner Anvertrauten lügt. Der große Akira Kurusawa scheint mit "Tengoku- to Jogoku" (Himmel und Erde) über einen perfekt inszenierten Krimi nicht hinausgekommen zu sein.