Von Josef Müller-Marein

Der Bildhauer Zadkine, der an einem Denkmal für Baudelaire und an einem Monument für Lautreamont arbeitet, hat sich in Paris einigen Spott zugezogen. Er hat bekanntgegeben, daß er seine Werke mit einer elektrischen Anlage ausstatten möchte, die es erlaubt, die beiden Dichter von innen her leuchten zu lassen. Auf diese Weise könnten die Denkmäler auch nachts in Betrieb bleiben – eine Möglichkeit, die dem Poeten Baudelaire nicht schlecht anstünde, denn dieser Dichter der „Blumen des Bösen“ hat schon zu Lebzeiten nicht selten die Nacht zum Tage gemacht.

Ich finde diese Idee so anstößig nicht. Schon auf der Schulbank habe ich die berühmte Frage, ob ein Kunstwerk auch dann schön genannt werden könne, wenn niemals ein menschliches Auge es betrachtet, mit einem leidenschaftlichen „Ja“ beantwortet. Denn ich konnte mir gut vorstellen, daß in einem entlegenen griechischen Haine eine marmorne Göttin des Phidias stünde: vergessen seit der Antike, die schlanken Beine halb im duftenden Erdreich versunken, die nackten Schultern vom Laub eines Lorbeerstrauches bekleidet und so seit Ewigkeiten von keinem Blick eines modernen Menschen entweiht. Solch eine Marmorgöttin des Phidias – eine Athene mit Helm vielleicht oder eine Diana mit Pfeil und Bogen oder eine Venus mit Busen – sollte nicht schön sein?

Es kommt also darauf an, daß die beiden Dichterstatuen des Bildhauers Zadkine eben diesen Vorzug haben: den der Schönheit. Vorausgesetzt also, daß die Werke ihm gut gelingen, ist es ziemlich egal, ob sie nachts, in der Dunkelheit schlafen oder ob sie sanft vor sich hinschimmern. So oder so sehen wir sie nicht, denn wir schlafen. Aber der Gedanke, wir könnten sie sehen, wenn wir nicht schliefen, ist die Vorstellung einer zusätzlichen Möglichkeit, ist Lebensbereicherung, ist Komfort und ist den elektrischen Strom wert.

Aber der Bildhauer Zadkine, ein alter Russe, der schon in jungen Jahren ins damalige Künstlerquartier Montparnasse zog, hat noch einen anderen modernen Plan geäußert. Und was wir von diesem Vorhaben halten sollen, das müssen wir uns noch überlegen.

Er will, daß man am Denkmalssockel eine Münze in einen Schlitz stecken kann. Sobald die Münze fällt, wird drinnen automatisch ein Bandgerät, samt Lautsprecher in Betrieb gesetzt, und schon beginnt Baudelaire ein Gedicht aus den „Fleurs du Mal“ aufzusagen oder Lautreamont ein Stück aus den „Chants de Maldoror“ zu rezitieren. Auf diese Weise, so sagt Zadkine, würde eine innige Verbindung zwischen Denkmal und Werk, zwischen dem Aussehen des Dichters und seinem Innenleben hergestellt.

Fügen wir hinzu, daß auch die Volksbildung durch dieses Verfahren gehoben würde. Man wirft dem Dichter eine Münze hin – schon legt er los. Und wir erfahren gleich, wofür er sein Denkmal bekommen hat – für seine Verse natürlich. Und beruhigt und bereichert gehen wir unseres Weges.