„Die geheimen Papiere Friedrich von Holsteins“, herausgegeben von Norman Rich und M. H. Fisher, Deutsche Ausgabe von Werner Frauendienst, Musterschmidt-Verlag, Göttingen; vier Bände, zusammen 1852 S., 207 DM.

Es ist ein natürliches Bedürfnis der Menschen, führende Männer des Staates, die lange Zeit im Dunkeln gearbeitet haben, zu dämonisieren. Diese Haltung entspringt dem aus grauer Vorzeit stammenden Glauben, die Kämpfe zwischen den Völkern würden ausgefochten zwischen gutartigen und bösen, auf jeden Fall gewaltigen und übermenschlichen Wesen. Für Angehörige besiegter Nationen ist es doppelt verführerisch, sich ihre führenden Männer als Heimgesuchte, als Besessene vorzustellen, denen man die Schuld für die Niederlage zuschieben kann. Das enthebt einen, so glaubt man im Unterbewußtsein, von der Verpflichtung, sich klarzuwerden über die eigene Verantwortung.

Mann mit Hyänenaugen

Nach dem Zusammenbruch von 1918 galt der Vortragende Legationsrat Fritz von Holstein als ein solcher Dämon. In seinem Amtszimmer habe er wie eine Spinne im Netz gesessen und seine Fäden gezogen, die Staatssekretäre, die Kanzler, die Botschafter beargwöhnt, verängstigt und nach seinem Willen vorangetrieben oder auf ihrem Wege gehemmt; Machtgier habe ihn zerfressen, aber er habe das Licht des Tages gescheut, da er eine dunkle Vergangenheit zu verbergen gehabt habe; er sei der „Mann mit den Hyänenaugen“ gewesen, „nur im Souterrain zu gebrauchen“ nach dem Worte Bismarcks; so habe seine seelische Buckligkeit dazu beigetragen, daß die Außenpolitik des Reiches in die Katastrophe mündete.

Das war nicht nur der Inhalt der Darstellungen, die von der historischen Belletristik geliefert wurden. Eine ganze Schar von bedeutenden Historikern lehrte in diesem Sinne. Der Rezensent wird nie den tiefen Eindruck vergessen, den er erhielt, als er im Historischen Seminar zu Bonn zum ersten Male das Wort von dem Mann mit den Hyänenaugen hörte.

Mehr als eine Generation ist seitdem vergangen. Unser Urteil ist heute weniger leidenschaftlich und im ganzen doch wohl gerechter geworden. Das liegt nicht nur an dem zeitlichen Abstand, es liegt vor allem an der Wirkung, die von den endlich veröffentlichten „geheimen Papieren Friedrich von Holsteins“ ausgeht. Die vier stattlichen Bände stehen nun da vor den Augen des Historikers und des Staatsbürgers. Keine Darstellung der Geschichte des Kaiserreichs wird an ihnen vorübergehen können.

Wir können nun die Verzerrungen von dem Bilde entfernen, das seine zahlreichen Feinde zu seinen Lebzeiten von Holstein entworfen haben und das von den Historikern der zwanziger Jahre nachgezeichnet worden war. Wir sehen ihn nun als den klugen, um das Wohl des Reiches besorgten Patrioten, der sich für den Staat in rastloser Arbeit aufopfert. Seine Feindschaft gegen den Kaiser rührte nicht allein aus persönlicher Abneigung – die war sicher da – und auch nicht aus dem Gefühl, zurückgesetzt zu werden, sondern aus der beklemmenden Furcht, der Herrscher, werde die Monarchie und mit ihr das Reich zerstören. Nicht einmal die lange geglaubte Anklage ist berechtigt, daß Holstein dem Publizisten Maximilian Harden das Material geliefert habe zu jenen entsetzlichen Prozessen, die den Ruf von Holsteins Gegner Eulenburg zerstörten, in denen aber auch viele Männer aus der Umgebung des Kaisers der Päderastie beschuldigt wurden und die im ganzen der Monarchie unendlich schadeten. Holstein hat den Kaiser wie Eulenburg bekämpft, vielleicht gehaßt; zu einem schmutzigen Handel hätte er sich nicht hergegeben. In seinem Charakter lagen, wie wir noch sehen werden, schwere Mängel, aber er blieb ein Ehrenmann.