Homo aquaticus – der Mensch der Zukunft? – Atmen mit stillgelegten Lungen Cousteaus Experiment, unter Wasser zu leben

Von Theo Löbsack

Was noch vor zehn Jahren einem Verfasser von Zukunftsromanen Ehre gemacht hätte: die Vision eines Unterwasser-Dorfes, einer Stadt oder einer ganzen Nation am Meeresgrund – das begann in diesen Wochen der französische Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau in die Tat umzusetzen. Ihm und seinen Mitarbeitern gelang es, 15 Meter tief im Roten Meer zwei druckfeste Stahlbehälter zu verankern, in denen sieben Mann 29 Tage lang lebten, ohne in dieser Zeit auch nur ein einziges Mal an die Wasseroberfläche emporzutauchen.

Schon im vergangenen Jahr hatte Cousteau prophezeit, es würden kaum fünfzig Jahre vergehen, bis ein neuer Menschentyp – homo aquaticus – als Gegenstück zum himmelstürmenden Astronauten existiere. Dieser „Fischmensch“ würde schon unter Wasser geboren, er wachse in Unterwasserstädten auf und lebe am Meeresgrund. Seine Lungen würden mit einer unkomprimierbaren Flüssigkeit gefüllt, also stillgelegt sein. Atmen würde dieser Mensch mit Hilfe einer Technik, ähnlich wie sie von der amerikanischen Weltraumbehörde für künftige Raumpiloten empfohlen worden sei: das Blut soll dabei durch einen Regenerator geleitet und immer wieder mit frischem Sauerstoff versorgt werden.

Im Sommer dieses Jahres verbrachten also sieben Mann der Cousteauschen Mannschaft volle vier Wochen in zwei röhrenförmigen Gebilden aus Stahl unter Wasser vor dem Hafen Port Sudan. Das Hauptgebäude ihres kleinen Dorfes ähnelte einem plumpen Seestern mit fünf kurzen und dicken Armen. Vom Mittelteil des Gehäuses, einer Art Diele, zweigten vier zylindrische Wohnräume mit je einem Bullauge sternförmig ab. Das zweite „Haus“ war kleiner; es beherbergte nur einen Aufenthaltsraum und eine Werkstatt. Schlauchverbindungen zum unweit ankernden Mutterschiff „Calypso“ versorgten die Kammern mit Preßluft. Die Besatzung lebte entsprechend der Meerestiefe unter einem Überdruck von etwas mehr als zwei Atmosphären. Durch eine Ausstiegsöffnung am Fußboden, in die das Wasser gegen den Widerstand der Druckluft nicht eindringen konnte, vermochten die Taucher aus- und einzugehen. Sie konnten Ausflüge ins umgebende Wasser machen, Algen sammeln, Fische fangen und ihre Küchenvorräte ergänzen. Erst am Ende ihres vierwöchigen Unterwasser-Aufenthaltes mußten sie vorsichtig „entpreßt“ werden, wie es in der Tauchersprache heißt, um an die Oberfläche zurückkehren zu können.

Korallenfisch am Fenster

Dieses Entpressen kann zum Beispiel durch stufenweises Auftauchen geschehen. Dabei wird dem Körper durch Zwischenaufenthalte in immer geringeren Tiefen Gelegenheit gegeben, sich allmählich wieder an den normalen Luftdruck zu gewöhnen, wie er über Wasser herrscht. Das ist notwendig, weil in dem unter Druck stehenden Blut in großer Wassertiefe auch mehr Atemgas, vor allem Stickstoff, gelöst werden kann. Kehrt der Taucher zu rasch an die Oberfläche zurück, so gleicht sein Blut dem Inhalt einer Seltersflasche, deren Verschluß mit einem Ruck geöffnet wird: Durch den plötzlichen Druckabfall perlt – wie die Kohlensäure im Selterswasser – im Blut des Tauchers das gelöste Stickstoffgas aus. Es beginnt in den Adern zu wandern und verstopft sie. So kann es zu gefährlichen Embolien kommen, die tödliche Gefahr bedeuten. Taucher, die mit solchen Erscheinungen an die Oberfläche kommen, müssen entweder sofort ins tiefere Wasser zurück oder an Deck des Schiffes in eine Dekompressionskammer gebracht werden, wo ihrem Blut Zeit gegeben wird, das gelöste Stickstoffgas allmählich wieder abzugeben.