Unlängst, an einem Sonntagabend, wurde die Interzonen-Autobahn zur Kampfarena. Viele bundesdeutsche Autofahrer kehrten von einem Berlin-Besuch zurück; nun staute sich kilometerweit die Kolonne der Wartenden vor dem "Kontrollpunkt" Marienborn, wo die "Vopos" die Papiere kontrollieren. Aber nicht lange, da kam Bewegung in die Schlange.

Ein Bericht der WELT hat die Einzelheiten dramatisch geschildert: Die Letzten wollten die Ersten sein, und dieser Wille wurde rabiat. Sie fuhren ganz einfach an der Reihe der Wartenden vorbei, von dem festen Entschluß besessen, auf irgendeinem freien Plätzchen sich dem andern vor die Nase oder den Kühler zu setzen. Da aber mußten sie erleben, daß die Ersten keine Lust harten die Letzten zu werden.

Krach. Schimpfworte. Schreie. Schraubenschlüssel her! Hat denn keiner einen Vorschlaghammer? Schmeißt den Lumpen doch die Windschutzscheiben ein!

Eine unter den Einzelheiten war besonders pikant: Ein Münchener Autofahrer, dem es gar nicht einfiel, sich hinten anzustellen, gab ordentlich Gas. Da trat ihm zu, Fuß, also unbewaffnet, eine Gruppe protestierender Menschen entgegen, unter denen sich ein Ehepaar befand. Der bayerische Herr am Volant muß sich wohl erinnert haben, daß seine Heimat einmal "Stadt der Bewegung" hieß. Denn er hielt sein Auto munter in Bewegung: stur auf die Menschengruppe zu und speziell auf einen Mann, der Gott sei Dank ein bißchen sportlich war. Rechts konnte er nicht weg, links, auch nicht. Wollte er sein Leben oder seine Gesundheit retten, so blieb ihm nichts als der Sprung auf den angreifenden Kühler. So rollte er, in Klammeraffen-Stellung, fort aus dem Blickfeld seiner entsetzten Gemahlin, dem "Kontrollpunkt" entgegen...

So schöne Einzelheiten also! Nun, angesichts solcher Angreifer waren die Verteidiger ihrer Wartepositionen ebenfalls weder faul noch feige. Wer keinen Schraubenschlüssel im Werkzeugkasten fand, nahm mit einem Stein am Straßenrand vorlieb. Es entstanden Beulen an den Karosserien oder Löcher in den Fensterscheiben. Wenig fehlte und es wäre eine reguläre Schlacht geworden. Alledem sahen die "Vopos" mit schadenfrohen Gesichtern zu, wie Wilhelm Busch in seinem Epos "Plisch und Plumm" eines gezeichnet und mit dem Vers versehen hat: "Ärgerlich", bemerkte Schlich, "aber diesmal nicht für mich!" Sie griffen nicht ein. Die Polizisten auf der anderen, der bundesdeutschen Seite, aber durften nicht eingreifen. Dieser Tatbestand soll uns ein Hinweis sein!

Daß wir Deutschen nicht so sind, wie beispielsweise die Engländer, das haben wir schon oft gehört. Daß die Londoner geradezu vernarrt darin sind, an Omnibus-Stationen Schlange zu stehen, während wir temperamentvoll jeden überfüllten Bus stürmen, das wissen wir schon. Daß die Franzosen beispielsweise sagen: "Après vous, Madame", um sich einzuschmeicheln, während wir redlichen Deutschen brüllen: "Olle Zicke, stellen Sie sich hinten an", das kennen wir schon; das ist nichts Neues. Es lohnt sich nicht, über solche Selbstverständlichkeiten ein Wort zu verlieren. Das Neue ist hingegen, daß wir erfahren haben, daß es in dieser gut bewachten Welt wenigstens noch ein paar Plätze an den Grenzen gibt, auf denen wir uns austoben können. Es muß ja nicht immer die innerdeutsche Grenze, die Gegend des "Kontrollpunktes" Marienborn im roten Teile unseres Vaterlandes sein! Haben wir denn nicht Europa? Ich wüßte da im Westen einen Kampfplatz. Zucker!

Wenn wir bei Bouillon, nahe bei des seligen Gottfrieds burggekrönter Stadt, die belgisch-französische Grenze passieren, erreichen wir zwischen den beiden Zoll- und Polizeistationen ein langes, langes Waldstück. Ein ideales Kampfgelände! Wir sind hier weit von "Vopos", von Bundespolizisten, von, belgischen, von französischen Zöllnern – nichts Beamtetes ist in Sicht. Dorthin, ach dorthin laßt uns zieh’n!