Von Hermann Bohle

Brüssel, im September

Den hungernden Völkern Nahrung zu geben, bedeutet, eine politische und strategische Versicherung einzugehen. Besteht nicht die Gefahr, daß die Hungernden diejenigen überfallen, die zuviel besitzen?“ Das fragte Edgar Pisani, Frankreichs Landwirtschaftsminister, im vergangenen Jahr den Ministerrat der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) in Brüssel. Er proklamierte die Verwendung europäischer Agrarüberschüsse in der Entwicklungshilfe.

In manchen Provinzen Kenias verhungern Dreiviertel aller Kinder, bevor sie ein Jahr alt werden. Die Erdbevölkerung vermehrt sich jährlich um 45 Millionen Menschen – die zusätzliche Nahrungsmittelproduktion reicht momentan aber nur aus, um 35 Millionen neuer Erdenbürger zu ernähren. In jedem Jahr kommen 10 Millionen Menschen zur Welt, für die kein Essen zur Verfügung steht. Diese Entwicklung verschärft sich, weil die Weltbevölkerung rapide wächst. Ist es zweckmäßig und praktikabel, den eineinhalb Milliarden unterernährten oder schlecht ernährten Menschen der Erde nicht nur mit industrieller Entwicklungshilfe, sondern auch mit Nahrungsmitteln beizustehen?

Hier geht es um eine zentrale Frage für die EWG. Schon bis zum Ende dieses Jahres steht wohl eine erste Schlacht um den deutschen Getreidepreis bevor. Die Bundesrepublik senkt ihn ungern. Die Europäische Kommission in Brüssel verlangt das, weil in wenigen Jahren im Gemeinsamen Markt der sechs Staaten auch ein gemeinsamer Getreidepreis eingeführt sein muß. Er soll nach Brüsseler Überzeugung unter dem heutigen deutschen Preis liegen.

Geschähe es anders, dann würden Kontinentaleuropas Landwirte ermutigt, immer mehr Getreide anzubauen. Das müßte bereits 1970 zu einem Überangebot an Weizen führen. Der Europäischen Gemeinschaft bliebe nichts anderes übrig, als diese Massen teuer aufzukaufen und zu lagern – sonst gingen die Weizenbauer in Europa bankrott. Das Beispiel der USA schreckt allerdings: Amerikas Weizenüberschüsse belasten die Steuerzahler der USA täglich mit acht Millionen Mark Lagerkosten.

Und doch fragt man sich: Ist es nicht ein Aberwitz, daß die USA unter Nahrungsmittelüberschüssen stöhnen, die EWG solche Überschüsse fürchtet und gleichzeitig 1,5 Milliarden Menschen in der Welt unterernährt oder unzureichend ernährt sind?