MÜNSTER (Landesmuseum): „Ensor“

Noch nie ist James Ensor (1860 bis 1949) in Deutschland so umfangreich gezeigt worden: 90 Bilder, 70 Aquarelle und Zeichnungen, das meiste aus belgischen Museen und Privatsammlungen. Bei uns ist sein Werk immer noch wenig bekannt, trotz Hausensteins enthusiastischem Essay von 1918 und einer Ausstellung in der Kestner-Gesellschaft 1927. Man hat Bilder von ihm herangeholt, wenn die „Wegbereiter der modernen Kunst“ präsentiert wurden, man hat ihn neben Münch und van Gogh gehängt, seine Generationsgenossen. Aber er gehört nicht in die Reihe der Wegbereiter, weil niemand ihn fortgesetzt hat, nicht einmal die Surrealisten können ihn als Ahnen adoptieren. Richtig placiert dagegen waren seine Bilder diesen Sommer unter den „Zeugnissen der Angst“ auf der Mathildenhöhe in Darmstadt. Er steht für sich, außerhalb der Zeit, Prototyp des Einzelgängers. Der Einsiedler, der immer in Ostende gelebt hat, in dem dämmrigen Souvenirladen am Strand, in der Stube ein Harmonium zwischen Gerümpel und Lebenskram. Sein Werk trägt makabre, extrem pathologische Züge. Stilleben, die nicht die Stille und Zuverlässigkeit der Dinge feiern, sondern ihre Unheimlichkeit. Der endlose Spuk seiner Karnevalsszenen, scheußlich aufgeputzte Kleinbürger, denen sich klappernde Skelette und grinsende Gespenster beigesellen. Dazu und vor allem religiöse Halluzinationen (in Münster durch den „Leidenden Christus“ und den „Engelssturz“ repräsentiert). Und das alles ist nicht etwa in einer düsteren Farbigkeit gemalt, sondern in Cremetönen, in hellem und scharfem Grün, Gelb, Rosa, mit schwingendem, lockerem und leichtem Duktus auf die Leinwand geworfen. Hinreißend gemalte Greuel. Den Auftakt zu diesem Oeuvre bilden dunkeltonige, vollkommen schöne und unbelastete Landschaftsimpressionen. Der größte Teil der ausgestellten Bilder stammt aus der Zeit bis 1892, der tragischen Zäsur in seinem Schaffen. Mit 30 Jahren war Ensor zuende, ausgebrannt. Ein halbes Jahrhundert lang hat er sich in einer beängstigenden Selbstpersiflage endlos wiederholt. – Die Ausstellung war vorher in Basel. Professor Vanbeselaere, Direktor des Antwerpener Museums (das neben Brüssel die wichtigsten Ensor-Bilder besitzt), hat sie zusammengestellt. Bis zum 29. September bleibt sie im Landesmuseum Münster, das damit eine Ausstellung von europäischem Rang nach Deutschland gebracht hat. g.s.