Von Wolfgang Clemen

Über die unbewältigte Vergangenheit ist erst in den letzten fünf Jahren häufiger diskutiert und geschrieben worden. Dabei hat man die Frage nur selten gestellt, ob es denn eigentlich so wünschenswert wäre, daß die „unbewältigte“ sich bald in eine „bewältigte Vergangenheit“ verwandelt. Denn solange es noch eine „unbewältigte Vergangenheit“ gibt, können wir weiter beunruhigt werden und sind gezwungen, an diese Vergangenheit immer wieder zu denken. Dies aber, das Nicht-Vergessen, das stets erneute „Daran-Denken“ wäre vor allem nötig. Es wäre der erste Schritt auf dem langen Weg, der vielleicht einmal später zu dem hinführt, was wir allzu selbstgewiß die „bewältigte Vergangenheit“ nennen.

Zum Nicht-Vergessen helfen uns Bücher. In unserer vergeßlichen Zeit war es eines der wenigen ermutigenden Symptome, daß solche Erlebnisberichte aus den schlimmsten Jahren wie das „Ostpreußische Tagebuch“ des Grafen Lehndorff und „Namen, die keiner mehr nennt“ der Gräfin Dönhoff zu Bestsellern wurden. Denn darin lag mehr noch ein moralischer als ein literarischer Erfolg. Man las diese Bücher mit äußerster Anteilnahme und tiefer Betroffenheit, weil sie eine Antwort gaben auf jene Fragen nach der halbvergessenen, vielleicht auch halbverdrängten Vergangenheit.

Auch Ursula von Kardorffs Berliner Aufzeichnungen aus den letzten Kriegsjahren gehören zu diesen uns angehenden und darum heute wichtigen Büchern –

Ursula von Kardorff: „Berliner Aufzeichnungen. Aus den Jahren 1942–1945“; Biederstein Verlag, München; 324 S., 12,80 DM.

Mehr noch als bei den beiden genannten Erlebnisberichten handelt es sich hier um ganz persönliche Aufzeichnungen, um ein reines Tagebuch, das weder als historische Darstellung noch als detaillierte Tatsachensammlung gedacht war. Äußerliches und Banales steht darum unvermittelt neben dem Wichtigen und Erhellenden. Aber eben dieser Umstand, daß es sich bei den flüchtig hingeworfenen Notizen um ein Tagebuch ohne Ambitionen und literarische Durchformung handelt, um Rohmaterial aus dem Strudel einer Kriegsexistenz im zerbombten Berlin, gibt diesen Aufzeichnungen Unmittelbarkeit und Spontaneität. Gerade das Unreflektierte und Unsentimentale der Darstellung, die knappe, mitunter saloppe und gänzlich unbekümmerte Art der Aufzeichnungen machen dieses Tagebuch so lesenswert. Der persönliche Ton, die Direktheit des Erlebens ist in dem fast zufälligen, immer wieder abreißenden Verlauf der Notizen erhalten geblieben. In ihnen spiegelt sich vor allem die grelle Gegensätzlichkeit der Eindrücke und Gefühle, wie sie jeder, der die damaligen Zustände miterlebte, oft als groteske Mischung, immer aber als kaum glaubliches Nebeneinander von Kontrasten empfunden haben wird. Das Sterben der Freunde, die ständige Todesdrohung steht neben dem Kleinkrieg um die nackte Existenz, um Lebensmittelmarken und Brennmaterial, neben Schlangestehen und Anrempelungen. All das erinnert uns daran, daß in schlimmen Zeiten der Ernst dessen, was täglich um uns herum geschieht, nicht etwa verhindert, die äußerlichen Dinge des Lebens ernst zu nehmen.

Das Buch erhält eine eigene Note und Bedeutung dadurch, daß zu dem großen Freundeskreis der Verfasserin auch Leute gehören wie Schulenburg, Hassell, Stauffenberg, Haeften, Harlem, Hardenberg, daß wir in diesem Buch Leber begegnen, aber auch Eduard Spranger, dem Gefängnispfarrer Poelchau und anderen. Stückweise erfahren wir Einzelheiten über die Verhaftungswelle nach dem 20. Juli, über den Prozeß vor dem Volksgerichtshof mit dem brüllenden Freisler, über geheime Hilfsaktionen für jüdische Bekannte und verzweifelte Interventionen für Angeklagte, manchmal als charakteristische und plastische Vergegenwärtigung eines Situationsbildes, oft auch nur als beiläufige Erwähnung Manche Tat der praktischen Nächstenliebe gegenüber verfemten Juden und politisch Verfolgten läßt sich aus den knappen und zurückhaltenden Angaben erraten. Doch gerade diese Andeutung von Fragen und Zusammenhängen, das Fragmentarische der Darstellung setzt unser eigenes Erinnerungsvermögen an Damaliges in Bewegung fordert uns zum Weiterdenken und Ergänzen auf.

Denn warum führte man damals Tagebuch! Es war zunächst das Gefühl, angesichts der Bedrohung durch Terror und Diktatur, vor allem angesichts der ständigen Wahrheitsverfälschung festhalten zu müssen, was an Ungeheuerlichem, an Unvorstellbarem alles geschah. Die Widersinnigkeit der Zustände, das Ungereimte, ja „Verrückte“ dessen, was man täglich erlebte, mitanhören mußte, las und mitansah, zwang zum Aufzeichnen. Ein Tagebuch war ein letztes Reservat persönlicher Freiheit, eine Zuflucht inmitten einer zerbrechenden Welt. Was man notierte, war manchmal nur Stichwort oder Merkzeichen, aber dennoch suggestiv genug, um die Rückerinnerung Wiederaufleben zu lassen für sich und für andere. Solche Authentizität und Echtheit besitzt Ursula von Kardorffs Tagebuch in hohem Maße. Man möchte ihm wünschen, daß es auch von denen gelesen wird, die damals zum bewußten Miterleben noch zu jung waren. Sie würden nicht nur erfahren, wie es damals zuging, sondern auch, wie es denen zumute war, die dem Terror zu widerstehen versuchten.