Von Carola Eckert

Allenthalben wird jetzt auf Tagungen, Seminaren, Foren und last not least in Zeitungen die Frage diskutiert, wie man die heutige Jugend wieder zu stärkerem Glauben führen und sie enger an die Kirche binden könne. Dabei ist dann die Rede von einem „von Jazz und Unterhaltungsmusik beeinflußten Resonanzvermögen der Jugend“, das unbedingt dabei berücksichtigt werden müsse, sollten die Bemühungen um junge Menschen Erfolg haben. „Die Kirche so sagte kürzlich der Münchener Studentenpfarrer Günter Hegele, „steht vor der Frage, ob sie sich antizyklisch verhalten und alles, was sie zu geben hat, drei Etagen höher ansetzen darf, in der Hoffnung, der Gläubige in spe werde schon nachklettern, oder ob sie nicht vielmehr das Niveau ein wenig senken sollte, um überhaupt einen Kontakt herbeizuführen.“

Verfolgt man diese Diskussionen, und hört man sich außerdem die Ergebnisse dieser Niveausenkung an, die dem jugendlichen Aufnahmevermögen angepaßt sind, wie zum Beispiel die von der Evangelischen Akademie Tutzing preisgekrönten religiösen Lieder, wird man den fatalen Eindruck nicht los, daß hier doch wohl einiges nicht mehr mit der missionarischen Aufgabe in Einklang zu bringen ist. Nicht, weil neue Formen gesucht werden – jeder vernünftige Mensch sieht ein, daß dies sogar notwendig ist und begrüßt die Aufgeschlossenheit der Kirche –, aber geht es an, daß Vertreter der Kirche – Männer und Frauen also, die einen Beruf erwählten, um den von Gott mit allen Möglichkeiten gesegneten, aber schwachen Menschen zu stärken und zu fördern – der Jugend unverblümt attestieren, in ihr seien diese Möglichkeiten verkümmert? Daß man sich gezwungen sähe, das Niveau zu senken, wolle man sie überhaupt erreichen? Und das scheint mir jedenfalls der erste psychologische, pädagogische und seelsorgerische Fehlgriff zu sein.

Man weiß heute sehr wohl, daß in den drei Kategorien derjenige die besten Erfolge erzielt, der dem Patienten, dem Ratsuchenden oder dem Schüler zunächst einmal Vertrauen in sich selbst zu geben versucht. Die Kindergärtnerinnen wie die jungen Mütter wissen, daß wenig gewonnen ist, wenn sie die Ungezogenheiten der Kinder mitmachen. Sie müssen vielmehr etwas finden, womit sie sie überzeugend von den Unarten weglocken und ihnen bei ihrer Entwicklung helfen. Wurde je ein Stotterer von einem Stotterer kuriert?

Bei diesem Anerbieten, „das Niveau zu senken“, wird mit einer Kameraderie operiert, die etwas Plumpvertrauliches und Verletzendes hat. Man möchte den jungen Menschen zurufen: „Laßt es euch nicht gefallen, daß man euch so abstempelt, denn dann erst werdet ihr wirklich das werden, was man heute von euch behauptet!“ Mir scheint das weniger Demut oder ein richtig eingesetztes Bemühen zu sein, „durch Umdenken und Vorurteile ausräumen Buße zu tun“ (Hegele), als ein „Zeugnis der Minderbemittlung“, das man der Jugend damit ausstellt. Man fühlt sich an die Behauptungen gewisser Filmproduzenten erinnert, das Publikum wolle ja nur Schnulzen und Sensationen, denn mehr könne „Lieschen Müller“ nicht bewältigen.

Wer sich die Mühe macht, dieser anscheinend ausschließlichen Jazz- und Schnulzenfreudigkeit nachzugehen – ob in Gesprächen mit Jugendlichen oder in Aufzeichnungen von ihnen, wird zugeben müssen, daß sehr viel Bereitschaft, wenn nicht sogar Hunger nach verbindlichen Anforderungen vorhanden ist. Die Jugend vermißt das „geistige Spannungsfeld“, und nicht selten rettet sie sich resignierend in eine „Anpassung an den Habitus der Erwachsenen“, eben jener Erwachsenen, die ihnen oft nur materielle Ziele stellen. Die Jugendlichen haben auch heute noch sehr wohl ein feines Empfinden dafür, was stimmt und was nicht.

Als beispielsweise ein Superintendent in seiner Predigt am Tag der Konfirmandenprüfung dieses Jahres sagte: „Ihr müßt euch das so vorstellen, daß die fünf Hauptstücke den fünf Bundeshauptstraßen entsprechen“ (der Tenor seiner ganzen Predigt lautete so), da gab es bei den Konfirmanden allgemeines Kichern. Als man sie fragte, warum sie gelacht hätten, antworteten sie: „Wenn der uns für so primitiv hält!“