Carl Amery hat bei seiner Analyse des neudeutschen Katholizismus einen neuen terminus technicus geprägt: das „Milieu“. Darunter läßt sich nicht personifizieren, nicht klassifizieren, nicht lokalisieren, es dehnt sich aus wie eine Qualle, gibt auf Druck nach und brennt auf der Haut.

Das Milieu ist imstande, Amery und Böll zu verdauen, lautlos und ohne Rückstand, es erwächst ihm daraus sogar mitunter eine gewisse Gloriole der Toleranz und Caritas: Mitleid mit den Intellektuellen. Denn derer, die da hungert nach dem Geiste, sind wenige, und nichts ist verläßlicher als der Glaube, daß Besucher von Buchhandlungen nicht ins Gewicht fallen, wenn es darum geht, was im Anfang war: nämlich die Macht.

Etwas anderes als Böll und Amery ist freilich schon der Hochhuth: Hier kann man sich des Verdachts nicht mehr erwehren, daß das Wort doch auch Macht sei.

Mit dem Argument, ein römischer Protest hätte nichts vermocht zugunsten der von Hitler Verfolgten, belegt man gern die faktische Ohnmacht der Kirche gegenüber hartem Zugriff. Mir scheint indes, daß die Kurie zu keiner Zeit „Opfer Hitlers“ war (ein Papst kann per definitionem nicht Opfer eines Wahnsinnigen sein, es sei denn als Märtyrer).

Wie, wenn das Handeln des Vatikans damals von der Sorge um das deutsche katholische Milieu getragen worden wäre, welches – von Rom zur Entscheidung gezwungen – womöglich sein Heil in Hitlers Armen gesucht hätte unter Zurücklassung eines Häufleins leicht dementierbarer Märtyrer? Denn das katholische Volk Deutschlands folgt in seiner indifferenten Masse letztlich nicht Päpsten und Patriarchen, sondern der Qualle, dem Milieu. Das Milieu aber gehorcht dem jeweils stärksten Druck. Daß dies so ist, wird nur in seltenen Sternstunden für jedermann sichtbar.

Dieser Tage nun entdeckte ich in fränkischen Dörfern ein Stück der Offenbarung des „Milieus“, dessen Kraßheit wohl nur damit entschuldigt werden kann, daß es nicht für die Augen der Welt bestimmt war, sondern nur für diejenigen fränkischer Hintersassen: Im „Bistumsblatt für die Diözöse Würzburg“ vom 25. August spiegeln sich die derzeit in Vietnam herrschenden Verhältnisse wie folgt wider:

„... Wie weit die Beschuldigungen (der Buddhisten gegen den Staatspräsidenten Ngo Dinh Diem) im einzelnen zutreffen, läßt sich schwer sagen. Jedenfalls sieht Ngo in seinen (katholischen) Glaubensgenossen zu Recht die besten Garanten im Kampf gegen den Kommunismus. Papst Paul VI., an den sich die buddhistischen Bonzen wandten, mahnte den Staatspräsidenten zur Toleranz, ... in Amerika hetzen 15 000 protestantische Priester zum Sturz des katholischen Staatspräsidenten (von Vietnam)...“