Der zweite Roman eines Autors macht immer neugierig: Führt er fort? Bestätigt er? Der zweite Roman von

Klas Ewert Everwyn: „Die Hinterlassenschaft“; Marion v. Schröder Verlag, Hamburg; 320 S., 16,80 DM

bringt kein neues Thema, keinen anderen Stil, aber er konzentriert, was im ersten Roman des Autors, „Die Leute vom Kral“, bereits angedeutet war.

Der Schauplatz der „Hinterlassenschaft“: das Dorf zwischen Kreisstadt und Großstadt, eine reale Welt, der „Kral“, wird ein- oder zweimal erwähnt, und durch diese Beziehung weitet sich der Rahmen, der Autor kann es sich leisten, ökonomisch zu arbeiten.

Er wählt sich nur vier Personen aus: den Erzähler Franz, 16 Jahre, Kriegswaise. Onkel und Tante, invalide und bedürftig. Und schließlich die fremde Frau aus der Stadt. Die Handlung ist von jener Simplizität und Strenge, die es dem Autor erlaubt, seine Helden so differenziert wie nötig anzulegen, und er tut es mit Treffsicherheit und bitterer Distanziertheit. Er läßt den 16jährigen erzählen, wie er – vom Wunsch beseelt, eine Familie zu haben, Wärme und Zugehörigkeit und Schutz zu spüren – von seinen Pflegeeltern enttäuscht wird, weil sie viel zu sehr von den eigenen Problemen belastet sind, um dem Kind mehr als ein Essen und ein Bett geben zu können, wie er bei einer Kriegerwitwe unterkriecht, dort von dem Onkel vertrieben wird, der nun seinerseits bei dieser Frau bleibt, die sich nicht an seinem Holzbein stößt, nicht durch Bitterkeit und Armseligkeit so durch und durch abweisend geworden ist wie seine eigene Frau. Die erhängt sich, als sie begreift, daß ihr Mann sie für immer verlassen hat.

Das letzte Kapitel, in dem der Junge beschreibt, wie er die tote Tante entdeckt, lebt aus der Weigerung dieser Menschen, ihre Empfindungen zu artikulieren: Immer wieder läßt Everwyn den Jungen in seinem Bericht abbrechen, läßt ihn sich der Erinnerung von einem anderen Punkt wieder nähern, wieder abbrechen, ausweichen vor der Tatsache des fremden Todes.

Er begreift im Lauf seiner Erzählung nur das eine: daß es keinen Sinn hat, sich eine Familie suchen zu wollen. Als er allein hinter dem Sarg hergeht, wird ihm bewußt: „Ich war, jetzt die Familie, für deren Bestand ich allein von nun an würde zu sorgen haben.“ Wenn er Sicherheit und Wärme will, muß er sie sich selbst schaffen. Ein schwacher Trost, denn wenn der Junge die Konsequenz aus dem zöge, was er erlebt hat, bliebe ihm wenig Hoffnung. Aber Everwyn läßt ihn blind und seiner kleinen, bescheidenen Zuversicht dadurch eine Würde, die vor allem beweist, wie tief verwurzelt der Optimismus des Autors ist. Sybil Gräfin Schönfeldt