Der letzte Droschkenkutscher Ravennas und sein alter Schimmel warteten seit Stunden vergeblich auf Fahrgäste. Dabei standen sie an dem besten Platz: direkt vorm Ausgang von San Vitale, durch den unermüdlich die Touristen strömen. In all den Stunden hatte sich nicht einer der Fremden erweichen lassen, die Droschke zu besteigen und sich auf dem schön beblümten Sitz durch Ravennas verstopfte Straßen schaukeln zu lassen – zu all den anderen Mosaiken, von denen man nicht weiß, welches die herrlichsten sind: die aus dem Baptistrium der Arianer oder dem der Orthodoxen, die Mosaiken von Sant Apollinare Nuovo oder – Traum eines Droschkenkutschers – das weiß und grün schimmernde Mosaik vom guten Hirten im acht Kilometer entfernten Sant Apollinare in Classe?

„Es ist ein schlechtes Jahr“, sagt der Kutscher traurig und führt seinen Schimmel ein paar Meter weiter in den Schatten. „Voriges Jahr war es ganz anders!“ Auch die Bootsvermieter am Strand in Marina di Ravenna blicken finster auf ihre hochsitzigen weißen Boote, die wie angeschwemmte Skelette unberührt im Sand liegen. Nur die Inhaber der vielen Bade-Etablissements, die die adriatische Küste von Venedig bis Pesacara in eine bunte Schirmkolonie verwandeln, verbergen ihren Mißmut unter ungewohnter Freundlichkeit. Voriges Jahr war es noch eine besondere Gnade, wenn sie nach langem Überlegen eine freie Umziehkabine fanden.

Was ist geschehen? Das Wetter, das sich heuer in Norditalien abscheulich aufführt, ist an der Adria vorschriftsmäßig strahlend. Die Campingplätze in der Pineta sind auf den ersten Blick genauso rappelvoll wie sonst. Aber schon beim zweiten Blick sieht man staunend, daß da wahrhaftig noch Liegestühle und Ballspieler zwischen Zelten und Wohnwagen Platz finden. Das Verblüffendste: Man hört am italienischen Strand auch Italienisch, nicht nur Deutsch sprechen. Trotz der von Monat zu Monat beharrlich genährten Hoffnung, daß es doch noch anders würde, ist es nun nicht mehr zu verschweigen: Die ganz große Sommerinvasion der Teutonen, die seit Jahren Alleinherrscher an der Adria waren – die versprengten französischen, englischen und schwedischen Stoßtrupps zählten damals kaum –, hat sich in diesem Jahr nicht ereignet. Sie sind nach Jugoslawien gegangen oder nach Griechenland und Spanien, sagen die Italiener mit den enttäuschten Blicken von Fischern, die den erwarteten Sardinenstrom nicht in ihren Netzen fanden. „Dort soll es billiger sein“, sagen sie und deuten ungläubig auf die Preisschilder der Obststände, auf denen sich die köstlichsten Früchte türmen. Ein Kilo Pfirsiche, so dick und gelbrot, wie man sie sonst nur von alten Stilleben kennt, kostet 80 Lire (50 Pfennig), eine große Melone 50 Lire. Damit hört allerdings das Preiswerte auch schon auf.

Auf der internationalen Tourismuskonferenz in Rom wurde auch sorgenvoll von dem verebbenden Touristenstrom gesprochen, und man kam zu der nüchternen Formulierung: „Andere Mittelmeerländer verkaufen das gleiche Meer und die gleiche Sonne zu besseren Preisen.“

Wir hatten in schaudernder Erinnerung an die drangvolle Enge diesmal das absonderlichste und schönste Refugium bezogen: einen „Capanno“ an einem stillen Kanal zwischen Mosaiken und Meer. Freunde, das ist ein Erlebnis – leider nur für die Auserwählten, die einen Capanno-Besitzer in Ravenna zu ihren Freunden zählen dürfen. Denn sonst betritt kein fremder Fuß dieses weltferne Reich der Mücken und Eremiten.

Die Kanäle im sumpfigen Lagunenland der Küste sind gesäumt von Capanni, bunten Pfahlbauten über dem Wasser, vor denen ein riesiges quadratisches Netz an Seilen und Rädchen aufgehängt ist. Von weitem sehen sie aus wie Fischerbarken, die jeden Augenblick die Segel lichten könnten. Mit einer Winde kurbelt man das Netz herunter, zwanzigmal, hundertmal am Tag, immer in der Hoffnung, Fische darin zu finden, nie entmutigt von der Tatsache, daß meist nichts als seitlich davoneilende Krabben in den Maschen blieben. Der Fischfang ist nur eine Ausrede für die Einsiedler, die ihre bequemen Häuser in der Stadt verließen, um ihre Tage am Kanal zu verbringen, den weißen Ibissen beim Fischen zuzusehen, Freunde zu bewirten, Karten zu spielen und viele Flaschen schweren, roten Weines zu leeren. Hier zu hausen, ist eine Weltanschauung. Sie heißt: fern der Welt und ihrem lauten Gewühl mit der Stille, dem Himmel und seinen Freunden zu leben.

Die Manie der Capanni stammt aus der Jahrhundertwende, als es in Ravenna noch ein reges kulturelles Leben mit Opern- und Theateraufführungen gab. In Frack und Abendkleid zog die feine Gesellschaft nach dem Kunstgenuß in die primitiven Hütten zum Diner. Zu „Chambres séparées“ und Horror der Ehefrauen geworden, erlebten die Capanni ihre vorletzte Methamorphose im letzten Krieg, als Frauen und Kinder sich aus den bedrohten Städten in ihre Einsamkeit retteten und ihren prickelnden hautgoüt mit bürgerlicher Familienidylle vertrieben. Nach dem Frieden zogen die Männer wieder an die Kanäle, aber diesmal allein.