Bad Hersfeld

Der junge Mann hinter der Theke im „Zigeunerkeller“ in Bad Hersfeld ist Doppelverdiener: Vom Kellerwirt bezieht er Gehalt und von der Bundeswehr Wehrsold und Verpflegungsgeld. Der 21jährige Kellner Detlef Frede ist Flieger-Soldat – aber er darf keine Uniform tragen; er ist Angehöriger der Bundeswehr, aber er darf Bundeswehrgelände nicht betreten. Er hat bald ein halbes Jahr Wehrdienst abgeleistet, davon allerdings fast mehr im Arrest als in soldatischer Freiheit.

Im Frühjahr hatte Detlef Frede – damals schon entschlossen, nie ein Gewehr in die Hand zu nehmen – einen Musterungsbescheid bekommen. Er wurde für tauglich befunden. Dann kam der Gestellungsbefehl. Und jetzt hielt Frede den Zeitpunkt für gekommen, einen Antrag auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer zu stellen. Doch es war zu spät, der Einspruchstermin war inzwischen versäumt. „Ich hatte“, so sagt er heute, „keine Ahnung, daß es da Termin“ gibt. Ich dachte, es genügt, daß ich mich melde, wenn der Gestellungsbefehl kommt.“ Es habe ihn bei den Wehrbehörden auch niemand auf diese Dinge aufmerksam gemacht. Dazu gibt der „Verband der Kriegsdienstverweigerer“ die Auskunft: „Früher wurden bei der Musterung Merkblätter ausgegeben. Soviel wir wissen, sind sie nicht mehr nachgedruckt worden.“ Frede sei ein typischer Fall für die weitverbreitete Unkenntnis bei jungen Menschen über den Verfahrensweg bei der Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer.

Dennoch kam es vierzehn Tage vor dem Einberufungstermin zu einer Verhandlung vor dem Prüfungsausschuß. Im Rathaus von Bad Hersfeld sollte Frede den Gewissensprüfern erklären, wie er sich nach einer Schiffskatastrophe verhalten würde, wenn außer ihm nur noch ein weiterer Passagier und ein Balken übriggeblieben sei. Sehr praktisch denkend, meinte der Kandidat, er würde sich mit dem anderen Opfer abwechseln – jeweils eine Stunde am Balken, dann eine Stunde schwimmen.

Diese Antwort zeugte zwar von gesundem Menschenverstand, aber sie entsprach keineswegs den Anforderungen des Prüfungsausschusses. So wurde Frede noch zwei Stunden weiterverhört. Unter anderem wollten die Prüfer von ihm wissen, wie er sich verhalten würde, wenn er – eine Pistole in der Tasche – in der Nähe eines Großstadt-Gaskessels einen Geisteskranken, mit einer Fackel in der Hand anträfe. Lebensnäher war dann die Frage, ob Frede einer Partei angehöre oder Sympathien für eine Partei hege. Nach kurzer Beratung erfuhr er die Entscheidung: „Antrag abgelehnt.“ Seine Kriegsdienstverweigerung beruhe bloß auf Lippenbekenntnissen, mit der Sache selbst habe er sich nicht ernst genug beschäftigt.

Vielleicht wäre der junge Kellner besser weggekommen, wenn er vorher die Broschüre „Warum wir den Kriegsdienst verweigern“ gelesen hätte. Darin befindet sich nämlich eine Sammlung „Fragen und Antworten“, die der „Praxis der Prüfungsausschüsse und Prüfungskammern für Kriegsdienstverweigerer“ entnommen sind. Die Fragen, die man Frede vorgelegt hatte, waren nämlich keineswegs von den Bad Hersfelder Prüfern für den Einzelfall maßgeschneidert worden; vielmehr gehören die „Gaskessel-Frage“ und einige Dutzend andere gleichen Kalibers zum ständigen Repertoire. Deshalb hat der „Verband der Kriegsdienstverweigerer“ nicht nur die Standard-Fragen gesammelt; er nennt auch die Antworten, die erfahrungsgemäß Erfolg auf Anerkennung versprechen („positiv“) oder mit einiger Sicherheit („negativ“) zur Ablehnung führen.

Nach der Aufklärungsschrift der Kriegsdienstverweigerer hätten Frede auch diese Fragen gestellt werden können: „Finden Sie nicht, daß durch das Militär und Rüstung auch soziale Probleme gelöst werden können (Arbeitslosigkeit)?“ – „Warum sollen gerade wir mit der Abrüstung anfangen?“ – „Was halten Sie von einem Krieg, der nur mit konventionellen Waffen ausgetragen wird?“ – „Was halten Sie von dem Ausspruch: Lieber rot als tot?“ – „Glauben Sie wirklich, daß die Inder mit ihrem gewaltlosen Widerstand auch gegen die Sowjetunion Erfolg gehabt hätten?“ Und schließlich hätte er auf die Frage vorbereitet sein müssen: „Wäre die Erde nicht schon überbevölkert, wenn es keine Kriege gegeben hätte?“