Im bundesdeutschen Sprachgebrauch ist landläufig immer nur von der gut verdienenden Industrie die Rede. Nur selten wird die Öffentlichkeit durch große Pleiten aufgerüttelt, die zeigen, daß hier und dort „etwas nicht in Ordnung“ ist. Kaum bemerkt werden die zahlreich notwendig werdenden Sanierungen, die dazu führen, daß die Eigentümer neue Mittel zur Verfügung stellen müssen, um ein Unternehmen vor dem Konkurs zu retten und es am Leben zu erhalten. Ein Beispiel hat dafür jetzt die John Deere-Lanz AG, Mannheim, geliefert, die der breiteren Öffentlichkeit wohl unter Heinrich Lanz AG bekannter ist.

Die Gesellschaft, einstmals die größte deutsche I andmaschinenfabrik, hatte nach dem Kriege einen besonders schweren Start. Die Produktionsanlagen waren durch Bombenangriffe hart in Mitleidenschaft gezogen, noch schwerer wog der Verlust der Absatzmärkte in den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Dabei ging es nach dem Kriege zunächst einmal recht gut voran, Der Nachholbedarf in der westdeutschen Landwirtschaft war beträchtlich, der Korea-Boom führte zu einem Export-Boom. Dann allerdings setzte die strukturelle Krise ein, mit der das Unternehmen bis in die jüngste Vergangenheit hinein nicht fertig geworden ist. Offensichtlich hatte man in den entscheidenden Jahren weder die Phantasie noch das notwendige Geld, sich der modernen Landmaschinenentwicklung anzupassen. Vor allem die amerikanischen Landmaschinenhersteller mit ihren beachtlichen Vorsprüngen drängten auf den deutschen Markt, und nicht nur hier, sondern überall in der Welt, Besonders auf dem Ackerschleppermarkt setzte ein harter, ja ruinöser Wettbewerb ein. Bald war der „Lanz-Bulldog“, früher das Glanzstück der Produktion, nur noch einer unter vielen, und längst nicht mehr der beste.

Der Aktionär bekam die Folgen dieser Entwicklung zu spüren. Er erhielt zwar schon 1950 eine Dividende von 4 % auf das nach der Währungsreform im Verhältnis 10:7 zusammengelegte Kapital von 25,2 Mill. DM. Aber bereits 1952 fiel die Dividende wieder aus. Insgesamt wurden von 1950 bis 1958 nur 22 % ausgeschüttet. Seit 1959 gingen die Aktionäre leer aus.

Auch der seit 1956 in der Gesellschaft herrschende Großaktionär, der amerikanische Schlepper- und Landmaschinenkonzern John Deeie, konnte keine rasche Besserung herbeiführen. Von dem neuen Großaktionär, der seine Pakete seinerzeit aus dem Besitz der Deutschen Bank und der Maschinenfabrik Buckau R. Wolf AG erwarb, hatte die Börse gehofft, daß er der Gesellschaft schnell neue, dividendenbringende Impulse bringen würde. Kurz vor Eintritt von Deere in die Gesellschaft war das Kapital auf 36 Mill. und 1958 weiter auf 50 Mill. DM erhöht worden.

John Deere brachte kein Wunder zustande, jedenfalls nicht in wenigen Jahren und auch nicht mit den vorhandenen Mitteln, Das Geschäftsjahr 1962 schloß mit einem Verlust von 4,6 Mill. DM, wodurch sich der Gesamtverlust auf 19,5 Mill. DM erhöhte. Ende dieses Jahres wird sich der Bilanzverlust nach Mitteilung der Gesellschaft auf mehr als 30 Mill. DM stellen. Schon heute dürfte mehr als die Hälfte des Aktienkapitals verloren sein. Das würde zu der Einberufung einer außerordentlichen Hauptversammlung zwingen, auf der dieser Verlust „amtlich“ offengelegt werden müßte.

Die Gesellschaft will sich aber nicht auf die bloße Verlustmitteilung beschränken, sondern legt vernünftigerweise gleich einen Sanierungsvorschlag auf den Tisch, der für die meisten freien Aktionäre (sie besitzen noch 15 % des Aktienkapitals) allerdings drastischer ausgefallen ist, als sie sich noch auf der letzten Hauptversammlung träumen ließen. Das Kapital wird nämlich im Verhältnis 5 : 2 auf 20 Mill. DM zusammengelegt und danach um 35 Mill. DM auf 55 Mill. DM wieder erhöht. Die jungen Aktien werden zum Kurs von 200 % (!) angeboten werden. Das entspricht einer Relation von 4 : 7, Über die technischen Modalitäten braucht hier nichts gesagt zu werden. Sie garantieren jedem freien Aktionär die Teilnahme an den Kapitalerhöhungen, sind im übrigen aber möglichst kostensparend gehalten.

Dem Unternehmen fließen aus der Kapitalerhöhung 70 Mill. DM zu. Davon dient die Hälfte zur Verlustdeckung, der Rest zur Finanzierung des umfangreichen Investitionsprogramms, das zur Zeit Ausgaben von rund 38 Mill. DM vorsieht. Künftig wird John Deere-Lanz über eine gesunde und wohl auch angemessene Eigenkapitalbasis verfügen. Schon jetzt zeichnet sich eine bemerkenswerte Umsatzzunahme ab, allerdings unter Gewährung von Rabatten und Preisnachlässen, die an dem Profit zehren. Wichtigstes Ziel muß es sein, billiger als bisher zu produzieren, und das ist nur mit Hilfe neuer Anlagen möglich.