Unmusikalische Zuhörer, die musikalische Veranstaltungen aus nicht-musikalischen Gründen besuchen, sind nichts Neues: Man braucht da nur an die alljährlichen Premieren in Bayreuth oder an die Metropolitan-Oper zu denken.

Höchst erstaunlich hingegen ist es, wenn die musikalische und intellektuelle Oberschicht einer Stadt freiwillig ein Konzert besucht, dessen Musik sie kaum und dessen Dirigent (als Dirigent) sie beinahe ebenso wenig interessiert. Solches geschah vergangene Woche, als Pablo Casals, der als 86jähriger zum erstenmal nach dreißig Jahren wieder nach Berlin gekommen war, die europäische Erstaufführung seines Oratoriums El Pesebre“ („Die Krippe“) dirigierte.

Ganz Berlin war da, aber eben nicht des Werkes oder des Dirigenten oder der Sänger oder des Orchesters wegen. Fast alle waren sie gekommen, um diesem außergewöhnlichen, unverwüstlichen kleinen Catalonier mit Namen Pablo Casals zu huldigen.

Casals einsame Opposition gegen das Franco-Regime ist zu bekannt, als daß man die Geschichte wiederholen müßte. Die allmähliche Aufweichung seiner Position allerdings stärkt die betrübliche Einsicht, daß Casals den Gedanken aufgeben muß, zu Lebzeiten sein spanisches Vaterland noch einmal frei zu sehen.

Nach 1945 sagte er, er werde so lange nicht öffentlich auftreten, bis Franco abgesetzt sei; 1950 jedoch begann er bei den jährlichen Festspielen in Prades, der Stadt in den französischen Pyrenäen, die er sich zur zweiten Heimat erwählt hat, wieder zu spielen. Kürzlich dann auch in Puerto Rico.

Als er vor ungefähr zwanzig Jahren sein Oratorium komponierte, sagte er, daß die Uraufführung in Barcelona nach Francos Sturz stattfinden solle; vor einigen Jahren dann dirigierte er die Uraufführung in Acapulco, Mexico, und hat das Oratorium seitdem auch in verschiedenen amerikanischen Städten zur Aufführung gebracht.

Mit seinem Werk hat Casals das begonnen, was er selber seinen Kreuzzug für den Weltfrieden nennt. Und wenn die Welt schon seine Aufforderung, Spanien bei der Befreiung vom Faschismus zu helfen, überhört hat, so setzt er jetzt die Kräfte seiner späten Jahre dafür ein, die Menschheit dahin zu kriegen, miteinander zu leben statt einander auszurotten.