J. E., Bonn, im September

In der vergangenen Woche fühlte sich Bauernpräsident Edmund Rehwinkel zweimal bemüßigt, seinen früheren Verbandsbruder, den Bundesernährungsminister Schwarz, in geharnischten Briefen aufzufordern, den bäuerlichen Wählern zu geben, was der bäuerlichen Wähler sei, nämlich hohe Preise.

Bei dem einen Brief handelte es sich um den sogenannten Hähnchenkrieg zwischen der EWG und den USA, wo man durchaus geteilter Meinung sein kann, ob sich die USA hier nicht im Ton vergreifen. Bestimmt im Ton vergriffen hat sich indessen einmal mehr der Mann aus Niedersachsen, als er der Bundesregierung schlichtweg unterstellte, sie handele sozusagen nur als verlängerter Arm der Industrie, deren Exportinteressen sie höher einschätze als das Wohlergehen ländlicher Hühnermäster.

Daß sich die Bundesregierung gehörig zur Decke strecken muß, um die guten Beziehungen zu den USA nicht zu gefährden und daß die Misere mit den Hähnchen nur entstanden ist, weil man aus politischen Gründen in Brüssel seinerzeit zu viel Rücksicht auf die massiv vertretenen Forderungen der französischen Kollegen von Rehwinkel nahm, diese Tatsachen haben sich offenbar noch nicht bis in die Lüneburger Heide herumgesprochen.

Der andere Brief betraf eine Angelegenheit, die in nächster Zeit noch erhebliche Kopfschmerzen verursachen könnte, nämlich die Schweinepreise. Sie steigen saisonal jedes Jahr nach der Urlaubszeit an, erreichten aber in diesem Jahr bereits Ende August eine Höhe, die sogar das Bundesernährungsministerium zum Einschreiten veranlaßte; und das will sicher etwas heißen.

Im Durchschnitt von über 20 Märkten wurden 294 Mark je Doppelzentner bezahlt, mehr als zu irgendeiner Zeit nach dem Krieg. Nun waren schon im Juli die Verbraucherpreise für Kotelett um rund 7 % höher als im Vorjahr, und die Metzger ließen Ende August durchblicken, sie würden nicht mehr lange warten, bis auch sie die noch weiter angestiegenen Preise für Schlachtschweine an die Verbraucher weiterleiteten. Man sprach von 40 Pfennig je Kilogramm im Durchschnitt und das bedeutet für die gefragten Stücke wie Kotelett und Schnitzel mindestens 60 wenn nicht 70 Pfennig mehr pro Kilogramm. Daß der Bundesregierung nichts daran liegen kann, den Gewerkschaften Argumente gegen eine Mäßigung bei den Lohnforderungen ins Haus zu liefern, ist klar. Zum anderen müssen es sich die Bauern schon gefallen lassen, daß die Bundesregierung nicht nur bei sinkenden, sondern auch bei steigenden Preisen eingreift.

Doch das ist noch nicht alles. Ohne großes Aufsehen haben nämlich die Butternotierungen – nach Meinung vieler Fachleute ohne ersichtlichen Grund – im August um 10 Pfennig je Kilogramm angezogen. Man munkelt, daß nach dem geräuschlosen Auftritt dasselbe im September wiederholt werden soll. Als Initiator wird in Kreisen des Butterhandels ganz offen das kartellähnliche Butter- und Eierkontor genannt, bei dem die Bauern die Geschäftspolitik bestimmen. Mit den ersten 10 Pfennig hat die Butter heute schon einen Molkereiabgabenpreis von 6,60 DM erreicht und kostet in vielen Läden 7,50 bis 7,80 DM. Bei weiterem Klettern der Butterpreise wird bald pro halbes Pfund die „Traumgrenze“ von 2 DM erreicht sein, und das einige Wochen vor dem 1. Oktober, an dem die Trinkmilch 6 Pfennig teurer wird. Trotz alledem wird Edmund Rehwinkel am 27. September auf dem Bauerntag in Hamburg seine alten Gesänge von höheren Preisen anstimmen. Wie lange wollen eigentlich die Verbraucher noch zahlen und schweigen?