Von Gottfried Sello

Wonnig stehen die beiden kleinen Tänzerinnen auf dem grünen Rasen. Sie sehen sehr niedlich aus, die drallen Meisjes mit den wippenden Röckchen, man fühlt sich wie auf einer Ballettprobe, die im Freien stattfindet. Plastik im Freien, Plastik, die sich natürlich gibt, die den Unterschied zwischen Natur und Kunst vergessen lassen möchte. Und schon deshalb stammen die reizenden Balletteusen nicht von Degas, sondern von dem belgischen Bildhauer Charles Leplae, der in der Kunst seines Landes und auch als Vorsitzer der Bildhauervereinigung der UNESCO eine Rolle spielte.

Irrtum, ihn für einen Künstler des 19. Jahrhunderts zu halten. Er ist 1903 geboren, also jünger als Moore und Marini. Er war in Paris Schüler von Despiau, dessen "Natürlichkeit" er allzu wörtlich nahm und trivialisierte. Er wurde Professor in Brüssel und ist 1961 gestorben. Die siebente Plastik-Biennale in Middelheim hat ihm eine Sonderschau gewidmet, ihm und zwei anderen in den letzten Jahren gestorbenen Bildhauern: Sir Jacob Epstein und Germaine Richter. Eine seltsame Zusammenstellung, die noch viel seltsamer anmutet, wenn man die beiden lebenden Bildhauer dazunimmt, die als Solisten zur Biennale nach Middelheim eingeladen wurden: der Jugoslawe Vojin Bakic und der Italiener Alberto Viani.

Bakic gehört zu den abstrakten Metallbildhauern. Blanke runde Metallscheiben werden von ihm zusammengeschweißt und stoßen übereinandergetürmt als "Entfaltete Fläche" in den Raum. Oder er baut aus gebogenen Stahlflächen, die locker aufeinanderliegen, "Strahlende Formen". Viani, einstiger Schüler von Arturo Martini und Professor an der Akademie in Venedig, entwickelt seine elegant gerundeten, weich kurvenden Marmorabstraktionen aus dem weiblichen Torso. Seine einzige Bronze, eine zwei Meter hohe "Chimera" von 1962, ein graziöses Ungeheuer, in zwei Lanzenspitzen auslaufend, übertrifft an tänzerischem Charme bei weitem die beiden strammen Tanzmädchen des Charles Leplae, die sich nur ein paar Schritte entfernt auf der gleichen Wiese tummeln.

Nicht nur die naturalistischen Meisjes sind typisch für Middelheim und nicht die abstrakte Chimera, sondern daß sie benachbart sind. In Middelheim, dem europäischen Freilichtmuseum für Plastik, ist man weitherzig. Hier wird keine Dichtung bevorzugt. Hier herrscht vollkommene Toleranz. Toleranz oder Narrenfreiheit oder lunstpädagogische Absicht: Wer an den Tanzmädchen seinen Spaß hat, wird die paar Schritte zur Chimera weitergehen und gutgelaunt ihre Abstraktheit zur Kenntnis nehmen.

Natürlich, bei jeder Ausstellung kommt es vor, daß Werke gegensätzlicher Richtung dicht beieinander stehen. In Middelheim geschieht das aber häufig und gewissermaßen aus Prinzip. Wenn man im Middelheim-Park spazieren geht, dem eigentlichen und ständigen Museum, rechts von der Straße (die linke Seite ist den wechselnden Biennalen vorbehalten), dann findet man andauernd neuere oder ältere naturalistische Figuren neben abstrakten Arbeiten. Ein eckig tehauener Marmorblock von Morice Lipsi steht neben zwei schwangeren Frauen (auch wieder von Leplae), und ein abstrakter Torso von Viani neben einer bekleideten, grämlichen Frauenfigur des holländischen Bildhauers Rik Wouters von 1913, betitelt "Häusliche Sorgen". Das wirkt ganz lustig, aber auch ein bißchen verwirrend und nicht gerade verständnisfördernd. Aber es gehört zu Middelheim.

Dessen genius loci gleicht einem Kobold, der das liebe Publikum mit Unarten und extravaganten Launen irritiert, der manchmal blind danebengreift und sich außerdem mit unheimlich sicherem Griff die schönsten und wichtigsten Stücke aus der gesamten zeitgenössischen Bildhauerproduktion für seinen Park sichert. Moores "König und Königin" und Marinis "Miracolo", den "Orpheus" und drei andere Hauptwerke von Zadkine, Barlachs "Flötenspieler" und Lehmbrucks "Große Knieende", Giacometti, Lipchitz, Barbara Hepworth und die Elite der jüngeren Engländer, Armitage, Butler, Chadwick.