Von Peter Bender

Leipzig, im September

Die Leipziger Herbstmesse überraschte den Besucher aus dem Westen durch einen merkwürdigen Widerspruch. Auffallend war die Diskrepanz zwischen den stärker gewordenen Entspannungsbekundungen nach außen und den immer noch recht geringen Anzeichen einer Entspannung im Inneren. Die Zahl der Transparente war erheblich vermindert, ihr Text beschränkte sich mehr noch als im Frühjahr auf. „friedliche Koexistenz“ und „weltweiten Handel“. Handelsminister Balkow verzichtete in seiner Eröffnungsansprache darauf, die Bonner Außenpolitik anzugreifen, was er vor einem Jahr noch für angebracht hielt. Aussteller aus der Bundesrepublik und Westberlin, die man für wichtig hielt, wurden mit besonderer Konzilianz behandelt.

Sprach man jedoch mit den Leipzigern, so erwies sich, daß es mit der friedlichen Koexistenz zwischen Regime und Bevölkerung noch nicht weit her ist. Man koexistiert zwar, lebt nebeneinander her, weil man es muß, aber mehr auch nicht. Vom „weltweiten Handel“ gar bekommt die Bevölkerung immer noch wenig zu spüren, wie auch das erstrebte „Weltniveau“ der eigenen Produktion noch manches zu wünschen übrig läßt.

Die Wunschliste eines bescheidenen älteren Herrn für Westpakete umfaßt folgendes: Kaffee (noch sehr teuer). Zitronen und Apfelsinen (nur ganz selten zu bekommen), Zigarren, kochfertige Suppen und Bouillonwürfel, um das Essen schmackhaft zu machen, Pflanzenfett zum Braten, Dauerwurst, Schokolade und Rasierklingen (alles nur in schlechter Qualität zu bekommen). Diese Liste zeigt bereits, daß es nicht mehr um einen elementaren, sondern einen „gehobenen“ Bedarf geht – wobei allerdings zweierlei anzumerken ist: Auch um den elementaren Bedarf regelmäßig und wunschgemäß zu decken, muß man seine Beziehungen haben. Außerdem ist es nicht unbedingt ein Zeichen von Verwöhnung, wenn jemand mit der Zeit die Ostwurst satt hat.

In einem wenigstens sind sich Regime und Bevölkerung ganz einig in Ruf nach Qualität: Auf Autos, Waschmaschinen, Fernsehgeräte, Mopeds und ähnliches muß man nicht nur meist lange warten (Autos haben ein Jahr oder gar mehrere Jahre Lieferfrist), es scheint auch immer noch Glückssache zu sein, ob man wirklich ein gutes Exemplar erwischt. „Mancher fährt gleich vom Geschäft zur Werkstatt“, erzählte mir ein Moped-Besitzer; er selber war allerdings zufrieden.

Um sich perfekt auszustatten, bleibt nur der „Exquisit“-Laden: elegante Herrenschuhe 150 Mark, ein Hemd, das man nicht zu plätten braucht, 60 bis 70 Mark, ein mittelgroßer, schwarzer, leichter guter Lederkoffer 500 Mark. Um da von Fuß bis Kopf „exquisit“ ausgerüstet auf die Reise gehen zu können, muß man schon einiges verdienen. Diese hohen Preise sind das Gegenstück zu den geringen Kosten für die Grunderfordernisse Miete, Kohlen, die meisten Nahrungsmittel und Restaurantpreise – all das ist billiger als in der Bundesrepublik.