Das Leben eines Mannes, der ein Werk geschaffen hat, ist sehr oft weder für die Aufnahme seiner Schöpfungen noch unabhängig von ihnen von Bedeutung – außer für ihn selber und seine Familie. Seine Äußerungen, seine Briefe, Tagebuch-Aufzeichnungen, seine Ehe und seine Geld-Transaktionen sind nur dem Biographen interessant oder dem Interpreten autobiographischer Stellen.

Auch Porträtisten kennenswerter Künstler beschreiben oft, was nicht kennenswert ist: romanhaft aufgeplusterte mittlere Fakten.

So ist mit Recht die Animosität gegen das Biographische gewachsen; zumal es oft ein elender Ersatz für die Beschäftigung mit dem ist, um dessentwillen überhaupt solch eine Darstellung möglich war.

Das hinderte die Erkenntnis, daß es (um gleich Extreme zu zitieren) Schöpfer gab (zum Beispiel Strindberg), bei denen die konventionelle Scheidung von Leben und Werk sinnlos wird vor dem Ereignis: ihr Werk ist im Wesentlichen nichts anderes gewesen als ihr (stilisiertes, bisweilen auch nur mitgeteiltes) Leben.

Wer diese Deutung für jedes Werk in Anspruch nimmt, ahnt nicht, wie viele Werke (und in weiten Bezirken) Leistungen des isolierten Talents sind. Ein sehr großer Teil der Literatur und der anderen Künste sind Artistik: Bewundernswert, solange man sie, wie sportliche Leistungen, am Grad des Könnens mißt.

Es wäre nun recht schematisch, wollte man nicht die reiche Serie der Relationen von Leben und Werk zwischen den Polen sehen. Schopenhauers Größe (um von seinem Scharfsinn abzusehen) hatte soviel lebende Gegenmächte zu überwinden, daß sie nur in seiner Begriffswelt zur Erscheinung kam.

Die Manipulierung schaltet Leben und Werk gleich, je nach dem, ob man einen treffen oder verteidigen will. Entweder heißt es (wenn man ihn schützt): was Benn 1933 gesagt und geschrieben hat, ist zu ignorieren angesichts seines Werks; leicht findet man auch Argumente zur Rechtfertigung. Oder man sagt (als Angreifer): Heideggers „Sein- und Zeit“ ist faschistisch – und projiziert seine Rektorats-Rede und ähnliche Aktivitäten auf das Buch von 1928.